Montag, 6. Oktober 2008

"Darum zu Barum"


Abbau bei Barum: Charakteristisch war die Zebra-Bemalung der Zug- und Rangierfahrzeuge.

Ich liebe guten Circus – und einen mochte ich ganz besonders: Circus Barum!
Meine Circusbegeisterung reicht bis zur Kindheit zurück, in der sich ab und zu kleine Familiencircusse in unser Dorf verirrten. Große Circusse gastierten in der 20km entfernten Kreisstadt, allerdings nahm mich mein Vater nur zur Tierschau und den Proben im großen Zelt mit – was die Erwartungen an eine Vorstellung in einem großen Circus enorm steigerte. Als es dann endlich soweit war, war es Mitte der 70er natürlich Barum – ein fest in meiner Erinnerung haftendes Erlebnis.
Barum war einer der bekanntesten Circusse, was nicht zuletzt mit der Popularität Gerd Siemoneits als Stardompteur und „Tierpsychologe“ zusammenhängt. Ihm ist es wohl in erster Linie zu verdanken, dass der seriöse klassische Tiercircus trotz aller Polemik dogmatischer Tierrechtler bei vielen Menschen noch ein positives Image besitzt.
Vor allem beruhte der langjährige Erfolg von Siemoneit-Barum auf einem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil, Circus zu machen.
Nach einem Schrumpfungsprozess Anfang der 80er, verbunden mit einem kurzen experimentellen Intermezzo, war dieser Stil schnell gefunden, der sein Publikum immer wieder auf’s Neue begeisterte und dafür sorgte, dass das Chapiteau im Gegensatz zu den Zelten vieler Mitbewerber erstaunlich oft gut bis sehr gut besetzt war.
Was machte nun diesen besonderen und so überaus erfolgreichen Stil aus? Er war schnörkellos ohne trist zu wirken, im wahrsten Sinnes des Wortes „stimmungsvoll“ ohne bemühte Aufgesetztheiten, bis ins Detail durchdacht, heiter und nicht zuletzt flott, aber nicht gehetzt.
… dies alles im Dienst einer überaus gelungenen, kurzweiligen und abwechslungsreichen Programmzusammenstellung ohne Längen und Füllnummern.
Siemoneit hatte immer ein besonderes Händchen für originelle und publikumswirksame akrobatische Nummern mit Klasse. Dutzendware mit Zweit- und Drittnummern war nicht sein Ding, Qualität ging vor Quantität – und hier war weniger wirklich mehr!
Größere Truppen gab’s meistens erst vor dem Finale und die gestalteten ganz klassisch furiose Schlussnummern wie z.B. eine verwegene Reiterei – begeisternder Circus pur eben.
Starnummern waren auch immer wieder zu sehen und sorgten für bleibende Erinnerungen auch beim breiten Publikum, so zum Beispiel Don Martinez mit seiner herrlich komischen Trampolindarbietung.
Schließlich stand Barum für den großen Tier-Circus – und bei Barum war dies auch für viele der dem kritisch gegenüberstehenden Zeitgenossen nicht kritisch besetzt, im Gegenteil. Auch aus diesem Grunde ist sein Ende so bedauernswert. Mit Barum verlor der Tiercircus in unserem Land seinen in positiver Hinsicht prominentesten Vertreter.
Für den Ruf Barums als DER Tiercircus standen natürlich die berühmten humanen Dressurgruppen des Chefs – aber auch die anderen Tiergruppen des Hauses, wobei lange Zeit die besten Dresseure bei Barum waren. Selbstverständlich waren die Dressuren erstklassig, aber vor allem die Präsentation der Pferde und Exoten hob sie deutlich von der Konkurrenz ab. Hier zeigte sich in besonderer Weise der Stil des Hauses – und das sichere Gespür für absolut stimmige musikalische Arrangements, gespielt von einem hervorragenden Orchester mit einem satten Big-Band-Sound.
Die Bedeutung der musikalischen Begleitung des Programms kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Viele Melodien haben sich mir richtig eingeprägt, die Rota-Musik zum Opening z.B., die Begleitung einer langjährigen Flugtrapezgruppe oder die heiter beschwingte Melodie zum Finale.
Anfang des neuen Jahrtausends beteiligten sich die Kinder Gerd Siemoneits zunehmend an der Gestaltung der Programme und letztere hatten nicht mehr den besonderen kurzweiligen Stil und verloren an Klasse.
2008 wurde dann das Ende des traditionsreichen Circus verkündet, wobei das Programm streckenweise wieder die alten Qualitäten zeigte.
So erlebte ich noch einmal eine schöne Vorstellung in meinem Lieblingscircus, den ich seit über 30 Jahren kannte und seit Mitte der 80er Jahre mit großer Freude mindestens einmal jährlich besucht habe.
… Circus, der mir gefiel wie kein anderer in unserem Land: Klassischer, großer Circus mit seiner einzigartigen Atmosphäre, Circus pur!


Abgesehen von diesen wehmütigen persönlichen Erinnerungen, ist der Circus Barum auch für diesen Blog interessant. Er war wohl der einzige deutsche Circus, der eine regelrechte "Sideshow" mit sich führte, in der die Direktion Kreiser Mitte der 1920er Jahre Kuriositäten und Illusionen präsentierte.
Auch unter der Direktion von Gerd Siemoneit gab es ein wenig "Budenzauber" zu erleben: Noch in den 80er Jahren präsentierten die marokkanischen Zeltarbeiter, kostümiert als "Söhne des Atlasgebirges", in der Tradition der "Völkerschauen" "traditionelle" Trommelmusik. Außerdem nutzten sie ihre "Marokkoshow" während der Pause im Elefantenzelt zum Souvenirverkauf, u.a. mit allerlei kunstgewerblichen Gegenständen. Der Verkauf von Souvenirs stellte früher in den Schaubuden und Völkerschauen häufig weit mehr als eine Nebeneinnahme für die Akteure dar. Insbesondere die verbreiteten Souvenirpostkarten bildeten eine sehr wichtige Einnahmequelle.
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