Samstag, 1. Dezember 2012

Die Maja der Jahrmärkte






Auf den Jahrmärkten früherer Zeiten wurde die Schaulust auf verschiedene Weise angesprochen, der Reiz des Unbekannten, Exotischen „Abnormen“, Außerordentlichen, Fremden, Sensationellen - kurz, des in vielerlei Hinsicht „Staunenswerten“ - stand mit der Beschränktheit der Erfahrenswelt großer Bevölkerungsschichten in direktem Zusammenhang.
Viele Schaustellungen hatten dabei auch einen mehr oder weniger offen herausgestellten voyeuristischen Charakter, so zum Beispiel die „tätowierten Damen.“
Ein vollständig tätowierter Körper stellte zu einer Zeit, in der die Möglichkeiten zum Ausleben der eigenen Individualität sehr begrenzt waren, zuerst einmal um seiner selbst Willen eine echte Sensation dar.
Darüber hinaus eröffneten sich unter dem Vorwand einer eingehenden Betrachtung der „Kunstwerke“ willkommene Gelegenheiten „einen Blick zu riskieren“. Nicht von Ungefähr waren es vorwiegend Frauen, die damit warben, am ganzen Körper tätowiert zu sein und dies oftmals bis an die Grenzen des damals Schicklichen auch unter Beweis stellten.


Souvenirkarte, Sammlung Nagel

Obiges Rollbild im vereinfachten Stil eines plakativen Schaubudenaushangs wurde von Goyas nackter Maja inspiriert.
Tatsächlich orientierten sich auch die vielen erstklassigen Graphiker von Schaustellungs- und Circusplakaten häufig an bekannten Bildwerken. Doch nicht nur auf Plakaten, Rollbildern und Fassadenmalereien waren klassische Bildthemen auf den Jahrmärkten präsent: Eine beliebte artistische Darbietung waren die "Lebenden Bilder", wobei antike Skulpturengruppen oder Bilder der Historienmalerei von Darstellern in zumeist eng anliegenden Ganzkörperkostümen nachgestellt wurden - eine weitere Schaustellung, die vor allem seit dem späten 19. Jahrhundert häufig eine deutlich voyeuristische Komponente hatte.


Auch die Outfits vieler Artisten und Schaubudenattraktionen orientierten sich an einem vermeintlich bürgerlichen Geschmack - wenn die Dekolletés auch tiefer und die Trikots über das notwendige Maß hinaus knapp ausfielen. Nicht selten wurden Darbietungen in einem betont großbürgerlichen Habitus präsentiert - was nicht immer überzeugend gelang und sich zur ungewollten Persiflage entwickeln konnte.

                "Carmen Sylvia - Das lebende Kunstwerk" 
                Souvenirkarte von 1910, Sammlung Nagel