Sonntag, 3. Februar 2013

Mehr oder weniger Wilde und die Panoptikumsmethode


Völkerschauführer 1911, Sammlung Nagel

Mit den um die vorletzte Jahrhundertwende erfolgten Eingliederungen Westsamoas und der Gebiete der Neuguinea-Kompanie in das deutsche Kolonialreich bekamen Südsee-Sehnsüchte neue Nahrung. Die um sich greifende Südsee-Euphorie äußerte sich in zahlreichen Schriften und Ausstellungen - bis hin zu einer frühen Aussteiger-Bewegung, dem "Sonnenorden" August Engelhardts.
Mit den Samoanern wurden "neue Landsleute" begrüßt, die einer völlig anderen Wahrnehmung unterlagen als die Eingeborenen der afrikanischen Kolonien. 
So präsentierte Marquardts Samoa-Völkerschau, die gleich nach der Hissung der deutschen Fahne auf Samoa ihre überaus erfolgreiche Tournee begann, "körperlich wohlgebildete, liebenswürdige Naturkinder," deren "Art und Weise des Auftretens im auffallenden Gegensatz zu anderen in Deutschland zu sehenden Naturvölkern stand". (Führer "Die Samoaner" 1911)
"Es sind in der That durchweg kräftig und schön gebaute Leute von hellbrauner Hautfarbe (…), und sie gewinnen durch ihre selbst nach unseren Begriffen nicht reizlose Gesichtsbildung und ein sehr liebenswürdiges, temperamentvolles Wesen. In allen ihren Kunstfertigkeiten und in der ganzen Art, sich zu geben, zeigen die Samoaner, daß sie ein unvergleichlich höher stehendes, intelligenteres und kulturfähigeres Volk sind als die Eingeborenen Afrikas." (Daheim 16.Jg, Nr.37, 16.Juni 1900, S.3)

Das "Bild der Welt" breiter Bevölkerungsschichten wurde in einem nicht unerheblichen Maß von Schaustellungen solcher Art geprägt.
Die großen Völkerschauen zeigten Angehörige "exotischer Völker" bei verschiedenen Verrichtungen ihrer Alltags-, Fest- und Kriegskultur, wobei die Authentizität dem "Schauwert" oftmals untergeordnet wurde.

Die Vorführungen in Schaubuden waren zumeist ganz anderer Art, hier stand die Präsentation des vermeintlich "Wilden" und "Triebhaften" "primitiver" dunkelhäutiger Eingeborener im Vordergrund, wobei die Primitivität mit der Dunkelheit der Hautfarbe stieg. Am Ende der Scala standen Buschmänner, "Kannibalen", "Austral-Neger" und "Hottentotten".

In reisenden und stationären Panoptiken, die i.d.R. Abteilungen fremder Völker bzw. Rassen beinhalteten, war der Tenor oft ähnlich:  "Nr. 1120 Koranas-Neger. Bewohner von Südwest-Afrika mit affenähnlichen Gesichtszügen. Sie stehen auf der niedrigsten Stufe aller Negerstämme und sind von sehr wilder und roher Natur." (Illustrirter Führer durch das internationale Handels-Panoptikum München, um 1900)

Diese Abteilungen umfassten vor allem wächserne Köpfe verschiedener Völker, aber auch lebensgroße bekleidete Wachsfiguren, die oftmals in nachgestellten Lebenssituationen mit Original-Gerätschaften vor entsprechenden Kulissen präsentiert wurden. Einige Panoptiken waren sogar auf solche Gruppierungen unter einem geographischen Schwerpunkt spezialisiert.

Volks- und Völkerkundemuseen griffen diese Präsentationsform auf, die Kritiker ganz zutreffend als "Panoptikumsmethode" bezeichneten.
Diese publikumswirksame "Panoptikumsmethode" konnte sich etablieren und ist bis heute, wenn auch unter anderen Bezeichnungen, verbreitet - selten allerdings so konsequent und gelungen umgesetzt wie in der Ausstellung "Wir Rheinländer" des Rheinischen Freilichtsmuseums in Kommern.

Straßenbild aus Kiautschau, Deutsches Kolonialmuseum Berlin 
Abb. in Daheim, Nr. 29, 36. Jg., 21.4.1900, S.5


Weitere Ausführungen finden sich in den Kapiteln "Panoptikum" und "Völkerschau" unter www.schaubuden.de .