Donnerstag, 12. März 2026

Panoramen liefen nicht

 

Holzstiche und (dazugehörige) Texte in illustrierten Zeitschriften des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts bilden bedeutsame Quellen zum Jahrmarktstreiben jener Jahre, wobei ein häufig vorkommender, mehr oder weniger ausgeprägter humoristisch-ironischer Unterton in Bild und vor allem Wort ihre Aussagekraft durchaus nicht schmälert: 
Wir stehen vor einem Zirkus, der seinen ganzen Besitz an ewig Weiblichem zur Schau ausgestellt hat, während die Clowns sich bemühen, durch ihre Scherze das Publikum anzulocken, und das Orchester sie mit herzzereißenden Klängen unterstützt. Der 'bayrische Herkules', von dessen wunderbaren Thaten das Plakat an der Wand der Bude erzählt, findet es wahrscheinlich unter seiner Würde, sich dergestalt zu zeigen, wenn er seine Zeit nicht benutzt, um neue Kräfte zu sammeln.
Aber es gibt noch weit interessantere Dinge, wenn wir wir uns wieder ins Gedränge wagen. Wer zum Beispiel 'Rußlands größten Schrecken' noch nicht kennt und sofort an Nihilisten und Verschwörer denkt, sieht ihn zu seiner Verwunderung in der Gestalt 'zweier lebender Walroßrobben', und wer sich wissenschaftlich anregen will, kann in dem benachbarten Wachsfigurenkabinett einen sterbenden Zulukaffern, 'Wallenstein, Herzog von Friedland mit seiner Thekla, einzige Tochter', 'Napoleon auf der Insel St. Helena' und den 'Frauenmörder Schenk' finden.
Aus dem Reich der Wissenschaft geraten wir dann wieder in jenes der Kunst. Den größten Zulauf hat Kasperl, der Unsterbliche. Ihm fehlt es nie an Publikum, während die Ausrufer der Panoramen die vorübergehenden an den Rockschößen festhalten müssen und die Besitzer der 'Photographie'-Salons nur mit Hilfe eines beständigen Redefeuers ab und zu ein Bäuerlein oder ein halbwüchsiges Mädchen einzufangen vermögen.“ 

(Bild und Text aus Schorers Familienblatt. Salon-Ausgabe. Juli bis Dezember 1887)