Sonntag, 26. April 2026

"Großes Kino"

 
Tingel-Tangel, 1953

Wenngleich es durchaus einige wenige niveauvolle Filme „vom Rummel“ gibt (siehe „Arletty im Bade“), bieten die meisten Werke ihrem Sujet entsprechend doch eher leichte Unterhaltung, triviale, oft reißerische Inhalte, einen recht lockeren Umgang mit Stereotypen und nicht zuletzt das Spiel mit Schaulust und Sensationsgier.
Den „Budenzauber“ versuchen dabei auch die Filmprogramme zu vermitteln, wobei nicht nur der Tonfall der Texte aufschlussreiche Einblicke in verbreitete Mentalitäten um die Mitte des 20. Jahrhunderts gibt. Ironische Untertöne, wie sie insbesondere in unterhaltenden Publikationen schon lange gang und gäbe waren, sind dabei allenfalls in Ansätzen wahrzunehmen.

„Unter den bunten Dächern der Karussells ziehen leuchtende Lichterketten rasende Bahnen. Von den Schiffsschaukeln lärmt das Juchsen schwingender Paare. Ausrufer bemühen sich (…), die Unübertrefflichkeit des von ihnen angepriesenen Unternehmens deutlich zu machen. Auch Toni Brandstetter ist einer von denen, die sich vom Nachmittag bis in die Nacht die Stimme heiser schreien. (…) Einige dutzend Mal am Tag preist Toni die Attraktionen seines Etablissements an, als da sind: die schon etwas verwitterte Putzi Lorrant, Operettensängerin mit Vergangenheit und ohne Zukunft – der Messerwerfer Cellino, einst Artist auf dem Seil – Gretl Judex, die Schleiertänzerin, die hübsch ist und darum nichts zu verbergen hat – Hermann, der Fingerathlet am Klavier, (...) und Carlo Leutgeb (…) mit seinem Wunderhund.“   „Tingeltangel“ (in Österreich „Praterherzen“), 1953


Vor dem Zaubertheater stauen sich die Neugierigen und hören belustigt dem Inhaber der Bude zu, der verblüffende Wunder verspricht. Fred (…) und sein Freund Nicki (…) interessieren sich mehr für die junge Assistentin, die neben dem Inhaber der Bude steht, als für die Zauberei. Ihretwegen besuchen sie auch die Vorstellung, …"   „Prater“ (in Deutschland „Der Weg des Herzens“), 1936


„Eines Abends, als Toni unter den zur Kasse drängenden Menschen steht, fühlt er, dass eine Hand nach seiner Brieftasche langt. Schnell greift er zu und erwischt den Dieb – ein zu Tode erschrockenes, zitterndes Mädchen. In Toni regt sich der Kavalier. Lilli (…) ist ein recht hübsches, anziehendes Mädchen, das in den Wirren der Nachkriegszeit auf die schiefe Bahn geriet. Toni, auch dem billigsten Abenteuer nicht abgeneigt, besorgt ihr in der Schau einen kleinen Posten als Küchenhilfe. Es wird Lilli sehr bald klar, dass ihr Ritter für seine 'Großzügigkeit' mehr als ein Dankeswort erwartet, und so sehr sie sich auch innerlich wehrt, so verfällt sie schnell dem Zauber dieses Mannes, wie Ungezählte vor ihr.“   „Rummelplatz der Liebe“, 1954


„In rasender Fahrt zeigen die drei Motorellos ihre tollkühne Fahrkunst an der Steilwand. (…) Als die Spannung auf dem Höhepunkt ist, mischt sich ein Polizeikordon langsam unter die Zuschauer. Seine rasenden Runden drehend, sieht Diego das Verhängnis auf sich zukommen. Sein Clownkostüm flattert durch die Luft: die Zuschauer kreischen entsetzt auf. Nach steiler Kurve landen Mensch und Maschine zerschmettert auf dem Arenaboden. Für Diego Moreno verlöscht für immer das gleißende Scheinwerferlicht der Todesarena.“  „Die Todesarena“, 1953


Donnerstag, 12. März 2026

Panoramen liefen nicht

 

Holzstiche und (dazugehörige) Texte in illustrierten Zeitschriften des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts bilden bedeutsame Quellen zum Jahrmarktstreiben jener Jahre, wobei ein häufig vorkommender, mehr oder weniger ausgeprägter humoristisch-ironischer Unterton in Bild und vor allem Wort ihre Aussagekraft durchaus nicht schmälert: 
Wir stehen vor einem Zirkus, der seinen ganzen Besitz an ewig Weiblichem zur Schau ausgestellt hat, während die Clowns sich bemühen, durch ihre Scherze das Publikum anzulocken, und das Orchester sie mit herzzereißenden Klängen unterstützt. Der 'bayrische Herkules', von dessen wunderbaren Thaten das Plakat an der Wand der Bude erzählt, findet es wahrscheinlich unter seiner Würde, sich dergestalt zu zeigen, wenn er seine Zeit nicht benutzt, um neue Kräfte zu sammeln.
Aber es gibt noch weit interessantere Dinge, wenn wir wir uns wieder ins Gedränge wagen. Wer zum Beispiel 'Rußlands größten Schrecken' noch nicht kennt und sofort an Nihilisten und Verschwörer denkt, sieht ihn zu seiner Verwunderung in der Gestalt 'zweier lebender Walroßrobben', und wer sich wissenschaftlich anregen will, kann in dem benachbarten Wachsfigurenkabinett einen sterbenden Zulukaffern, 'Wallenstein, Herzog von Friedland mit seiner Thekla, einzige Tochter', 'Napoleon auf der Insel St. Helena' und den 'Frauenmörder Schenk' finden.
Aus dem Reich der Wissenschaft geraten wir dann wieder in jenes der Kunst. Den größten Zulauf hat Kasperl, der Unsterbliche. Ihm fehlt es nie an Publikum, während die Ausrufer der Panoramen die vorübergehenden an den Rockschößen festhalten müssen und die Besitzer der 'Photographie'-Salons nur mit Hilfe eines beständigen Redefeuers ab und zu ein Bäuerlein oder ein halbwüchsiges Mädchen einzufangen vermögen.“ 

(Bild und Text aus Schorers Familienblatt. Salon-Ausgabe. Juli bis Dezember 1887)