Samstag, 29. August 2009

Allerlei Mittel für glänzendes Falschgeld, geschmeidige Fürze und den verderbten Magen


Es ist gut möglich, dass auch dieser Zauberer am Schluss der Vorstellung den Dorfbewohnern
 ein Mittel gegen diverse Unpässlichkeiten offerierte. (Holzstich, Sammlung Nagel)

Der zu Lebzeiten sehr berühmte Zauberer Alexander Heimbürger aus dem vorherigen Eintrag verkaufte nach der Rückkehr von seiner viele Jahre währenden Amerika-Tournee in seiner Heimatstadt Münster ein Wund- und Abführmittel, das noch Jahrzehnte nach seinem Tod vermarktet wurde.
Der Verkauf von Heilmitteln oder sogar die Ausübung heilpraktischer Behandlungen durch Zauberer bzw. Taschenspieler bildete zu dieser Zeit zwar nur noch eine Ausnahme, kam bis ins 19. Jahrhundert hinein jedoch nicht selten vor. Friedrich Josef Basch, der u.a. "das Aufziehen eines Kindes bei einem Haare" vorführte, bot seinem Publikum sinnigerweise ein Haarkräftigungsmittel an. Auch andere fahrende Artisten waren hier tätig. So wird von den Vorfahren der auch heute noch als Seilläufer bekannten Traber-Sippe Folgendes berichtet: „Ein Louis Traber, (…), weilte 1808 mit einer Truppe von 12 Personen, 2 Wagen und 5 Pferden in Kettwig an der Mosel. Nachdem sie mit Seiltanzen das Volk amüsiert hatten, priesen sie die Wirkung ihrer Heilmittel und ihre medizinischen Kenntnisse. Sie besäßen das Geheimnis, leicht alle Krankheiten zu heilen. Ihre Medizin verkauften sie zu enormen Preisen und suchten dann das Weite. Wenig später wurde aus Rhens berichtet, ihre Frauen hausierten in Dörfern mit einem Mittel, das nicht nur geeignet sei, gewisse Krankheiten zu heilen, sondern auch Falschgeld einen neuen Schimmer gebe. (…) Alois Taber (…) heiratete die ‚umherziehende Marionettenspielerin’ Franziska Witthauer, deren Eltern ein ‚Chirurgus’ und eine Marionettenspielerin waren.“ (1)
Das Beispiel steht in einer langen Tradition der Verbindung von Gaukelei bzw. Schaustellerei und Quacksalberei, die im 17. und 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt hatte und bis ins Mittelalter zurückreichte.
Schon der mittelalterliche Spielmann war neben seinen hauptsächlichen Betätigungsfeldern Artistik und Musikantentum oft auch ein Heilkünstler bzw. „Heilzauberer“. Auf die sehr wahrscheinlichen Verbindungen zum Schamanismus weisen u.a. die bis heute erhaltenen Spuren des Musikantenmagiers und Heilkünstlers in Südosteuropa hin:
„Durch die Szekler in Siebenbürgen sind in Ungarn sehr alte Bräuche einer religiösen Spielmannschaft erhalten geblieben. Die Spielleute waren Schamanen, die der Heilkunst, der Zauberei und der Musik zugleich kundig waren. Die kultische Handlung wurde durch Tanz, Gesang und turnerische Kunststücke vorbereitet, zu denen die Trommel geschlagen und ein Zauberspruch rezitiert wurde, (…)“ (2)
Auch die Gaukler der Neuzeit traten häufig als Heilkundige in Erscheinung. (3) „Der eine hat Wurmsamen/ der ander Bilsensamen für das Zahnwehe/ der ander Pulffer/ welches die Harnwinde vertreibet/ oder einen Furtz geschmeidig macht/ dass man ihn nicht höret/ damit mannichem wol bei guter Gesellschaft gedienet wird…“ (4)
Besondere Beachtung verdient Manfredi von Malta, der als Hochseilläufer und Akrobat, der einen Stein von angeblich 700 Pfund mit den Locken seiner Haare hob, auftrat. Vor allem aber „trank er große Mengen Wasser und spie sie in wechselnden Fontänen aus. Er scheint sogar die Flüssigkeiten abgewechselt zu haben, die aus seinem Munde kamen: einmal war es Wein, dann Bier, Öl, Milch und verschiedene Duftwässer.“ (5) Seinem Publikum konnte er hierbei gleich die Wirkung seines „vortrefflichen Balsams für den verderbten Magen“ demonstrieren, das auf einem erhaltenen Ankündigungszettel aus dem 17. Jahrhundert neben seinen artistischen Künsten angepriesen wird (6).
Neben solchen Gauklern, die „nebenbei“ Heilmittel verkauften oder kleinere Behandlungen durchführten, gab es reisende Quacksalber, deren hauptsächliche Profession die Heilkunst war. Die lautstarken Anpreisungen ihrer Mittel und Dienstleistungen reichten bei zunehmendem Konkurrenzdruck auf den Messen und Märkten bald nicht mehr aus, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Viele engagierten daher Akrobaten und Possenreißer und ließen Tiere sehen. (7)
Welche Ausmaße der Pomp fahrender Ärzte erreichen konnte, zeigt eine Memminger Chronik aus dem Jahre 1724: „Am 2. Juli kam ein berühmter Arzt an, namens Joh. Ehr. Hüber, mit fünf Kutschen, darunter zwei sehr prächtig, hatte bei sich 50 Personen, darunter Frauen und Kinder, eine Zwergin, zwei Heiducken, zwei Trompeter und verschiedene Musikanten, (…), auch 18 Pferde und zwei Kamele. Er hatte sein Theatrum auf dem Ratzengraben, verkaufte seine Ware, spielte vor und nach Komödien, (…), hatte höfliche Leute und proper in Kleidern.“ (8) Bei einem späteren Gastspiel war seine Truppe sogar um 30 Musikanten, einen „Mohr“, einen Seiltänzer, sechs „Laquaien“ und „verschiedene Frauenzimmer und Personen“ verstärkt. (9) Auch der berühmte Doktor Eisenbarth verfügte über eine Artistentruppe von 120 Mitgliedern, „die Faxen machte, während er öffentlich Klistiere verpasste“. (10)
Während für das Mittelalter die Bedeutung fahrender Heilkünstler und heilkundiger Spielleute durchaus hoch einzuschätzen ist, verbreiteten die Mittel der Wunderheiler und Scharlatane der Neuzeit oftmals wohl mehr Schaden als Nutzen. Im besten Falle dürfte ihr „Elefanten- und Elchschmalz“ oder ihr „berühmter Planetenstein“ ohne jede Wirkung geblieben sein. Dies war jedoch nicht immer der Fall: „’Also haben’, sagt Dryander in der Vorrede zu seinem Arzneibuch 1542, ‚solche Landstreicher und Leutebescheißer zu allen Gebrechen eine Arznei, einen Trank, eine Salbe, ein Pflaster, oder etwas so Ungereimtes, dass mancher sich das Leben darob verzettet.“ (11)
Zunehmende Kritik fand außerdem das artistische Beiprogramm der Quacksalber. Schon im 15. und 16. Jahrhundert „wimmeln“ die Nürnberger Ratsprotokolle von Erlassen, „in denen ’Landfahrern’ oder ‚Himmelreichern’ verboten wird, ihr `Petroleom’, `Quirinusöl’, `Rosmarinbalsam’, `Skorpionöl’ oder `Elefantenschmalz’ usw. in Nürnberg feil zu halten.“ (12) In Regensburg durften sie zwar zu Jahrmarktszeit bzw. Kirchweih auftreten, sie mussten ihre Arzneien aber vorher durch niedergelassene Ärzte prüfen lassen. (13) Ähnlich verfuhr man in Zürich, wo Ärzte und Chirurgen eine Untersuchungsbehörde“, die sogenannte „Geschau“, bildeten. Umherziehende Ärzte durften dabei in den meisten Städten auch nur bestimmte Krankheiten behandeln, damit sie den niedergelassenen Ärzten möglichst wenig Konkurrenz machten. Außerdem verbot man immer wieder die aus Reklamegründen unentbehrlichen artistischen Darbietungen. (14) Auch in Hamburg untersagte man 1686 „den Zahnbrechern, Marktschreiern und Quacksalbern, sich auf ihren Theatern von Gauklern und Narren assistiren zu lassen“. (15)


Abbildung in einer französischen Zeitschrift der 2. Hälfte des 19. Jh., Slg. Nagel

Doch all diese Maßnahmen gegen fahrende Quacksalber richteten wenig aus. Ihre Geschichte, die eng mit der Geschichte der anderen fahrenden Gruppen verknüpft ist, reicht weit bis ins 19. Jahrhundert hinein – wenn auch die Fähigkeiten schwanden, die man ihnen bei wachsendem Fortschritt der Medizin und sinkendem Aberglauben in der Bevölkerung zutraute. Die anfangs erwähnten Mittel der Traber-Truppe dürften vornehmlich in ländlichen Gebieten Anklang gefunden haben und die „Chirurgen“ und „Operateure“ auf den Jahrmärkten, die im 18. Jahrhundert noch Eingeweidebrüche behandelten und als Stein- und Starstecher agierten, beschränkten sich auf das Zähneziehen sowie kleinere Eingriffe bei Hühneraugen, „verhärteten Frostbeulen“ oder eingewachsenen Nägeln.
Wie viel umfassender waren da die Behandlungsbereiche ihrer Kollegen früherer Zeiten, die kaum zugegeben hätten, gegen eine Krankheit kein Mittel oder eine „schmerzfreie“ Behandlungsmethode zu haben (16), wie auch nachfolgende Parodie aus einem Fastnachtsspiel durchklingen lässt. Das Lied weist sicherlich nicht zufällig Ähnlichkeiten zum bekannten Spotttlied auf Dr. Eisenbarth auf, das allerdings erst um 1800 entstanden ist.
„Hört ihr Herren all gleich!
Es kommt ein Meister künstenreich.
Er nennt sich Meister Vivian,
Der sieben Künst er wohl echt (…) kann.
Er kann mit meisterlichen Sachen
Die Blinden reden machen.“ (17)

"Leichtgläubigkeit" (Moritz Bauernfeind),  Jugend 1913 Nr.11

Während man fahrenden Unterhaltungskünstlern keinerlei heilkundige Kompetenzen mehr zutrauen würde, finden heutige Quacksalber ihr Publikum auf anderen Wegen: Sie nutzen Boulevardblätter und moderne Medien wie Internet und Privatfernsehen, um ihre Wundermittel unter Vortäuschung vermeintlich wissenschaftlicher Erkenntnisse anzupreisen, nicht selten mit esoterischem Einschlag. Die Werbestrategien, die sie hierbei nutzen, sind dabei im Grunde die ihrer Vorgänger auf den Jahrmärkten vergangener Tage.
Auch die Zielgruppe hat sich nicht verändert: "... die vielen, die Disponierten, die Trunkenen der Illusion, die verlangen, wenn die Erde das Glück verweigert hat, von einem andern Stern das Glück; wenn die Welt keinen Erfolg gewährte, so suchen sie den Erfolg in einer Geisterwelt; wenn bittere Gegebenheiten zu Existenzgesetzen werden, so rufen sie nach dem, vor dessen Zauberstab Gesetze weichen. Die Halbgebildeten sind des Charlatans Gefolgschaft, die Schwachen und Leidbeladenen seine Beute." (18)

Werbung für das "Nerven-Nährpräparat Nervosin", frühe 20er Jahre

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(1) Arnold, H.: Randgruppen des Zigeunervolks. Neustadt/Wstr.1975, S.157f, (2) Danckert, W.: Unehrliche Leute. Die verfemten Berufe. Bern 1963, S.250f, (3) vgl. ebenda S.218, (4) Garzoni, Thomaso: Piazza Universale: Allgemeiner Schauplatz/ Marckt und Zusammenkunfft/ aller Professionen/ Künsten/ Geschäfften/ Händeln und Handwercken. Frankfurt 1659. Nachdruck Nürnberg 1962, (5) Jay, R.: Sauschlau und Feuerfest. Menschen, Tiere, Sensationen des Showbusiness. Offenbach 1988, S.316, (6) vgl. Hampe, Th.: Die fahrenden Leute in der deutschen Vergangenheit. Leipzig 1902, S.118, (7) vgl. Stichler Carl: Reisende Ärzte, Wunderdoktoren und Medizinhändler des 17. Jahrhunderts. In: K. Sudhoff (Hg.): Archiv für Geschichte der Medizin. 2. Bd. Leipzig 1908, S.285ff, (8) zit.n. Hampe 1902, S.108, (9) vgl. ebenda, (10) Bose, G./ Brinkmann, E.: Circus. Geschichte und Ästhetik einer niederen Kunst. Berlin 1978, S.24, (11) Hampe 1902, S.107, (12) ebenda, S.106, (13) vgl. Schöppler, Hermann: Eine Medizinalordnung der Freien Reichsstadt Regensburg. In Sudhoff 1908, S.127, (14) vgl. Stichler 1908, S.286ff, (15) Beneke, O.: Von unehrlichen Leuten. Cultur-historische Studien und Geschichten aus vergangenen Tagen deutscher Gewerbe und Dienste mit besonderer Rücksicht auf Hamburg. 2. Aufl. Berlin 1889, S.58, (16) vgl. Kopecny, A.: Fahrende und Vagabunden. Ihre Geschichte, Überlebenskünste, Zeichen und Straßen. Berlin 1980, S.56, (17) zit.n. Hampe 1902, S.107, (18) Grete de Francesco: Die Macht des Charlatans. Basel 1937, S.32f


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Mittwoch, 29. Juli 2009

Von einem der auszog ...

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... um in der Fremde sein Glück zu machen.

Die Budenzauberer auf den Jahrmärkten repräsentierten in der Regel die zweite Garnitur ihrer Zunft; die Stars der Szene unterhielten im 19. Jahrhundert ihr Publikum in Salons und Theatern. Eine Zauberbude konnte aber auch als Sprungbrett für eine ganz große Karriere dienen:
Der Münsteraner Alexander Heimbürger (1819 - 1909) beschäftigte sich schon als Kind mit mechanischen und physikalischen Experimenten. Ein Gastspiel des berühmten Zauberers Ludwig Döbler im Stadttheater beeindruckte den 16-Jährigen schließlich so sehr, dass er autodidaktisch erste Grundlagen des "Zauberhandwerks" erlernte und schließlich seine Stelle als Rechtsanwaltsgehilfe aufgab, um sich nach einer abenteuerlichen Reise mittellos dem "Professor der Magie" Friedrich Becker anzuschließen und mit ihm über Messen und große Jahrmärkte zu ziehen.
Heimbürger hatte dabei u.a. die Funktion eines "Vorreisenden": Er suchte Quartiere, gab den Druck von Werbezetteln in Auftrag, engagierte die Musiker und ließ nach vorhandenen Plänen von ansässigen Handwerkern die große Schaubude bauen.
Eine weitere Aufgabe war das Verfassen positiver Besprechungen der Programme, die den Zeitungen der Auftrittsorte zugespielt wurden. Solche euphorischen Berichte vermeintlicher "Kunstfreunde" über die Auftritte von Zauberern, Kunstreitergesellschaften u. dergl. waren im 19. Jahrhundert ein sehr verbreitetes Werbemittel.
Bei Gastspielen auf Jahrmärkten stellte die Parade allerdings die wichtigste Reklame dar. Heimbürger vernachlässigte dieses Werbeinstrument bei seinen ersten Schritten in die Selbstständigkeit nach der Trennung von Becker zunächst:
"Ein fürchterliches Chaos von allen möglichen musikalischen und unmusikalischen Tönen erfüllte am Nachmittage die Luft. Die einzelnen Budenbesitzer überboten sich im Hervorbringen des tollsten Spectacels: Ausrufer, Harlekine, Fanfaronadenmacher schrieen sich heiser, das herbeigeströmte schaulustige Publikum in die einzelnen Buden hinein zu persuadiren. Auch der uns gegenüber befindliche Concurrent hatte einen solchen classischen Redner nicht verschmäht, der von zwei lebensgroßen Automaten unterstützt war, von denen der eine die Trompete blies und der andere die Trommel dazu schlug. Mit der herkömmlichen lebhaften Gesticulation machte er auf die Sehenswürdigkeiten seiner Bude aufmerksam: 'Nur herein, nur herein, meine Herrschaften!' war seine stereotype Redeweise; 'was Sie hier vor der Bude sehen, ist nur ein Kinderspiel. Sie müssen hereintreten, um das non plus ultra des menschlichen Erfindungsgeistes zu bewundern. Hier ist man der Welt um hundert Jahre vorausgeeilt. Was Kunst und Wissenschaft Außerordentliches zu leisten vermögen, davon kann man hier für wenig Groschen sich überzeugen. Man muß es sehen, um zu glauben! Treten Sie ein, meine Herrschaften, sogleich wird die Vorstellung beginnen. (...) ' Darauf stieß der Automat seine Trompete, der Tambour rührte die Trommel und die neugierige Menge drängte sich durch die zurückgeschlagene, mit weißen Fransen besetzte, rothe Gardine zu einer mit einer mächtigen Goldkette behangenen corpulenten Dame, die das Amt eines Cassirers verwaltete, und die sich während der Verlockungen und lauten Anpreisungen des Herangueurs unter anscheinend großem Gleichmuth mit einem grauen Papagei unterhielt, der in einem glänzenden Käfige auf dem Tisch stand.
Wie uns beiden armen Kunstgenossen bei sothanem Schauspiel zu Muthe war, davon macht sich ein gewöhnlicher Erdenbürger wohl kaum ein Begriff.
Wir versuchten ein verächtliches, mitleidiges Lächeln heraufzubeschwören, vermochten aber kaum den neidischen Ingrimm zu verbergen, als wir sahen, wie die angesammelte Menge sich beeilte, die angepriesenen Wunder in Augenschein zu nehmen, während ein frisches Publikum herbeiströmte, um die mit großen Schildern und Malereien bedeckte Bude sich anzusehen.
In gleicher Weise waren auch die übrigen Buden mit entsprechenden Reklamemitteln bedacht. Nur wir allein befanden uns inmitten einer höchst nüchternen Verfassung. Vertrauend auf unsere Leistungen, die sich nach unserer unmaßgeblichen Meinung durch ihre Gediegenheit selbst Bahn brechen mußten, hatten wir nur einige unserer Ankündigungszettel an die Außenseite der Bude angebracht, jedoch ein recht gutes Orchester engagirt, welches ab und zu sich innerhalb derselben hören ließ. Hin und wieder umstanden einige Neugierige unseren Zettel, wurden aber alsbald durch die sich in der Nähe bietenden wirksameren Anziehungsmittel von uns abgelockt." *
Nur der Zusammenschluss mit einer Seiltänzergesellschaft noch auf dem selben Jahrmarkt bewahrte Heimbürger und seinen Kompagnon vor dem völligen Ruin. Die beiden beendeten danach ihre erfolglose Zusammenarbeit und Heimbürger schloss sich Schaustellern an, die tagsüber eine "Glasspinnerei" betrieben und in den Abendvorstellungen 'hydraulische und pyrotechnische Gasexperimente' präsentierten, die Heimbürger mit seinen Zaubereien bereicherte.
Während eines Gastspiels in Hamburg fand der gewandte und begabte Heimbürger den Weg in herrschaftliche Salons und schon wenig später zählte "Herr Alexander" zu den erfolgreichsten Zauberern Deutschlands, der mit einem ständig wachsenden anspruchsvollen Repertoire große Säle und Theater vornehmlich in Norddeutschland füllte und von bedeutenden Persönlichkeiten zu Privatvorstellungen eingeladen wurde.
Alexander Heimbürger wollte aber "weltberühmt" werden und wagte sich im Alter von 24 Jahren auf eine Gastspielreise nach Amerika, von der er nach 11 Jahren tatsächlich als reicher und berühmter Mann nach Münster zurückkehrte. Er konnte fortan als gesellschaftlich vielseitig engagierter Privatier leben, wobei ihm der Verkauf eines "Wund- und Abführmittels" zusätzliche Einnahmen verschaffte. 
Zu Heimbürgers Bewunderern zählte  Houdini, der 1903 eigens nach Münster kam, um seinen verehrten Kollegen zu besuchen - und vielleicht bezog sich sogar Hermann Melville in folgendem Passus aus "Moby Dick" auf den Zauberer aus Westfalen:
"Go and gaze upon the iron emblematical harpoons round yonder lofty mansion, and your question will be answered. Yes; all these brave houses and flowery gardens came from the Atlantic, Pacific, and Indian oceans. One and all, they were harpooned and dragged up hither from the bottom of the sea. Can Herr Alexander perform a feat like that?" 

Heimbügers Grab auf Münsters Zentralfriedhof
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* Alexander Heimbürger: Ein moderner Zauberer. Erster Band. Münster 1882, S.263ff


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Donnerstag, 18. Juni 2009

kopflos



Mein vierter Aushang im Stil plakativer amerikanischer Sideshow-Banner hat einen weiteren Schaubuden-Klassiker zum Thema, die Frau ohne Kopf.
Die angedeutete Präsentationsform dieser einfachen, aber effektvollen Spiegel-Illusion war durchaus typisch und steigerte ihre augenzwinkernd-makabre Ausstrahlung: Der kopflose Körper wurde durch verschiedene "medizinische Gerätschaften" mit einer Vielzahl von Kontrollleuchten und Anzeigen am Leben erhalten, wobei der Vorführer dieses "medizinischen Rätsels" als Arzt in Erscheinung trat.

Inspiriert wurde ich diesmal durch zwei Bilder Frida Kahlos: Die Vorlage für die Kopflose war ein Bildnis ihrer Schwester Cristina, der Mediziner ist Fridas Mann und Cristinas zeitweiliger Liebhaber Diego Rivera.

Sammlung Nagel


Dienstag, 25. November 2008

"Zum Schluss ist die Somnambule zu sprechen"






















Das „Cabinet des Dr. Caligari“ im gleichnamigen Stummfilm-Klassiker von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 ist eine Schaubude, in dem der vermeintlich weissagende „Somnambule“ Cesare auftritt.
 „Herrrrrreinspaziert! Hier ist zum ersten Male zu sehen – Cesare, der Somnambule! Cesare das Wunder – Dreiundzwanzig Jahre alt, schläft seit dreiundzwanzig Jahren ununterbrochen Tag und Nacht -, Cesare wird vor Ihren Augen aus der Totenstarre erstehen – Herreinspaziert!“
(…)
„Meine verehrten Herrschaften! Cesare der Somnambule wird Ihnen alle Fragen beantworten. Cesare kennt alle Geheimnisse – Cesare kennt die Vergangenheit und sieht in die Zukunft –Überzeugen Sie sich selbst – Treten Sie heran! Fragen Sie!“ 
Dieses Geschehen knüpfte durchaus an reale Vorbilder an. Mit der „Wahrsagerei“ wurden häufig weniger spektakuläre Schaustellungen oder einfache Illusionsshows aufgewertet; so betätigten sich z.B. durch Spiegeltricks „entstellte“ Damen oder Albinos oftmals als „Hellseher“ oder „Gedankenleser“.
„Somnambule“ waren von einer besonders geheimnisvollen Wirkung auf das Publikum und außer den üblichen Absprachen und verklausulierten Hinweisen beim „Lesen“ der Gedanken einzelner Zuschauern mussten die in „Trance“ befindlichen „Medien“ keinerlei Kunstfertigkeiten beherrschen.
Zu Beginn ihres Auftritts wurden die „Gedankenleser“ nicht selten zunächst in einen angeblich „hypnotischen“ oder „somnambulen“ Zustand versetzt, mitunter mit Mitteln des „Magnetismus“.
Hellseher, die ebenfalls mitunter als „Somnambule“ ausgegeben wurden, hielten ihre „Sprechstunden“ in der Regel im Anschluss an die Schaubudenprogramme ab: „Zum Schluss ist die Somnambule zu sprechen.“

(Filmzitate und Szenenbild aus einem Abdruck des Drehbuchs, Verlag Wiedleroither, Stuttgart 2000)


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Montag, 10. November 2008

Valentins Weltwunder

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Valentins "Okroberfest-Schaubude". München, Kabarett Charivari 1920
Die Flöte spielt Bertolt Brecht, Karl Valentin die Tuba.
Die "Rekommandeuse" an der Glocke ist Liesl Karlstadt.

Es verwundert nicht, dass die Anpreisungen und die phantastisch-skurrilen Erläuterungen der Schaubuden-Rekommandeure auf dem Oktoberfest Karl Valentin zahlreiche Anregungen für komische Szenen lieferten, wobei sich Original und Persiflage oftmals gar nicht so sehr voneinander unterschieden haben dürften... In seiner Szene "Oktoberfestschau" treten mit einer "Riesendame" und einem "Fakir" bzw. "Muskelphänomen" typische Schaubudenattraktionen in Erscheinung.
"Das Attraktionsprogramm mit Fräulein Lilly Wiesi Wiesi; das größte Weib, das je in Europa gezeigt wurde. Die Dame ist 2-3 m groß und wiegt 280 Pfund. (...) Um ihre Größe beizubehalten, isst die Dame nur längliche Speisen, wie Stangenspargel, Makkaroni, Rhabarber und Salzstangerln. Getränke muss sie sprudelnd heiß trinken, da die im Munde eingenommenen heißen Flüßigkeiten infolge der langen Speiseröhre meistens eiskalt in den Magen kommen und zu einer Magenerkältung führen könnten. (...)"
"In der zweiten Abteilung sehen sie 'Tafit', den Mann mit den Riesenohren. (...) Im Alter von 12 Jahren und 16 Monaten kam er in die Lehre eines neapolitanischen Schuhmachermeisters in Ceylon. In seiner über 40jährigen Tätigkeit als Schusterjunge, in welcher er sich durch Faulheit, Frechheit und Liederlichkeit auszeichnete, war seinem Meister Gelegenheit gegeben, ihn in unaufhörlicher Art und Weise bei den Ohren zu ziehen, (...). Infolge dieser jahrelangen Ausdehnung der Ohrmuscheln haben diesselben solch ungeheure Dimensionen angenommen, wie Sie heute Gelegenheit haben, bewundern zu können. Durch die ungeheure Bauchung der Ohrmuscheln hat sich bei Herrn Tafit die Schallaufnahme-Fähigkeit dermaßen verstärkt, dass Herr Tafit, wie das Sprichwort sagt, das Gras im Finstern wachsen hört. Das Zerdrücken eines Flohes erschallt bei Herrn Tafit wie ein Böllerschuss. Bei Sturmwind kann sich Herr Tafit nicht auf die Straße wagen, da die Ohrmuscheln Wind fangen würden und ihn vor Unglück nicht schützen könnten. In seinen Riesenohren erzeugt Herr Tafit jährlich 12 Ztr. Ohrenfett, welche er stets an einen Wagenschmierfabrikanten abgibt, und an dem Erlös desselben einen ganz schönen Nebenverdienst zu verzeichnen hat. Herr Tafit ist der Liebling sämtlicher Damen. Er ist vollständig normal gebaut bis auf die beiden Ohren - es ist keine Illusion - kein Schwindel - alles echt. (...)"   
In der letzten Abteilung - Valentin Wau, das Muskelphänomen, - der Mann mit dem Eisenmagen - der unverwundbare Fakir. Er wird schwere eiserne Gegenstände wie Eisenbahnschienen - Betonpfeiler - schwere Artelleriesäbel auf seinen Armen und Muskeln krummbiegen. (...) Er ist im Stande, ganz gewöhnliche Steinkohlen zu essen. - Richtige, unverfälschte Salzsäure wird er trinken (trinkt und zittert) - das ist das gewöhnliche Nervenzucken, das muss eintreten nach dem Genuss von Gift, aber es wird in wenigen Minuten wieder vorüber sein. (...) Valentin Wau, der unverwundbare Fakir, er ist im Stande, sich spitze Gegenstände wie Nadeln, Nägel usw. durch irgendein Körperteil mit aller Gewalt stossen zu lassen. Eine Hutnadel wir ihm nun durch die Nase gestoßen. (...) In seiner Schlussattraktion wird sich Herr Valentin Wau auf den Boden legen und sich von einem Wagen, besetzt mit fünf Personen, überfahren lassen. (...)"
Zutritt, Zutritt, meine Damen und Herren, soeben ist Anfang - Beginn der neuen Vorstellung. Niemand soll den Festplatz verlassen, ohne unserer Vorstellung beigewohnt zu haben. (...)
Zur Kassa die Kapelle gibt das letzte Zeichen. Sie brauchen nicht lange zu warten - die schönsten Plätze sind noch zu haben. - Sie bezahlen heute ermäßigte Preise, - also zur Kasse - Zutritt, - die Künstler begeben sich in das Theater - die Kapelle gibt das letzte Zeichen und die Vorstellung beginnt."   
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Textquelle: Karl Valentin: Sämtliche Werke in acht Bänden, hg. von H. Bachmaier und M. Faust. München, Zürich 1995. Band 3: Szenen, S.26-30
Bildquelle: Elmar Buck: Vision - Raum - Szene. Gemälde, Graphik, Skulptur, Plakat, Foto, Film in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung Schloss Wahn, Universität Köln. Kassel 2001, S.430f
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Samstag, 1. November 2008

Rheinisches Panoptikum Kommern


Wachsfigurenkabinette sind rar geworden. In Deutschland existieren noch das traditionsreiche Hamburger Panoptikum und seit einiger Zeit ein Ableger der Tussauds-Group in Berlin. 
Eine besonders schöne Wachsfigurenschau erleben darüber hinaus die Besucher des Rheinischen Freilichtmuseums Kommern im Eifelvorland. In einer unscheinbaren großen Halle inmitten des idyllisch gelegenen Museumsgeländes wird dort die Ausstellung "Wir Rheinländer" gezeigt. Der Weg führt durch eine originalgetreu gestaltete und eingerichtete Kulissenstadt, beginnend in der Franzosenzeit Ende des 18. Jahrhunderts und endend in den "Wirtschaftswunderjahren". 
Die eigentlliche Attraktion bilden die 240 verblüffend echt wirkenden originalgroßen Wachsfiguren, die die verschiedenen Szenerien beleben. Einige tragen die Köpfe prominenter Rheinländer aus Vergangenheit und Gegenwart.  
Eigentlich ähnelt das Ganze über weite Strecken einem alten stationären Wachsfigurenkabinett. Die Brüder Castan hätten gewiss ihre Freude daran.

www.wir-rheinlaender.lvr.de
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Montag, 29. September 2008

Affiger Gruß

Der Schausteller Traugott Petter (1907 – 1980) reiste bereits Ende der 20er Jahre mit einer  Schaubude, in der er typische Attraktionen wie Riesen, Liliputaner und eine 560 Pfund schwere Kolossaldame präsentierte.

Berühmt wurde er in den 30ern mit seiner Aufsehen erregenden Schimpansenschau. Die besonderen Leistungen seiner Tiere auf der Bühne hingen sicherlich nicht zuletzt mit dem innigen Verhältnis Petters zu seinen Tieren und ihren besonderen Haltungsbedingungen zusammen: Die Tiere lebten mit der Familie zusammen im Wohnwagen und wurden nach Aussage der Kinder noch fürsorglicher behandelt als diese.

„Da sie klein waren, als wir sie bekamen, haben sie spielend gelernt. Wenn wir Rollschuhe gefahren sind, haben sie es nachgemacht, beim Radfahren dasselbe…“

Auf die (ironische) Bemerkung eines Parteigenossen hin, ob seine Affen nicht grüßen können, brachte der überzeugte Sozialdemokrat Petter seinen Tieren den „Deutschen Gruß“ bei, den sie fortan bei allen möglichen Gelegenheiten ausführten.

Diese tierische Parodie erregte natürlich das Missfallen der Nazis, und Petter wurde unter Androhung der „Abschlachtung“ seiner Tiere aufgefordert, ihnen den Trick wieder abzutrainieren. Der Schausteller gehorchte, trotzdem blieb die Geschichte für ihn nicht folgenlos: Er wurde an die Ostfront geschickt und seine Affen gingen vermutlich aus Trennungsschmerz einer nach dem anderen ein…

Quellen: Annette Krus-Bonazza: „Auf Cranger Kirmes“. Münster 1992 (Abbildung und Zitat der Tochter); www.petter-paderborn.de;  "Heil Hitler, das Schwein ist tot!“ Humor unterm Hakenkreuz. Eine Fernsehdokumentation des NDR aus dem Jahr 2006


Samstag, 23. August 2008

Zille und die Piktusse

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Die bescheidenen Rummelplätze am Stadtrand gehörten zu den wenigen Stätten des Vergnügens für das Berliner Proletariat in den Jahrzehnten um die vorletzte Jahrhundertwende. Hier war ein wenig Abwechslung vom tristen Alltag in den Fabriken, Mietskasernen und Hinterhöfen zu finden. Insbesondere die Schaubuden ermöglichten Einblicke in eine Welt außerhalb dieser Tristesse, eine Welt voller Exotik und Wunder.

Dabei ging es auf diesen kleinen staubigen Rummelplätzen kaum weniger bescheiden zu. Die Verdienstmöglichkeiten der Schausteller waren so gering wie die Ansprüche des einfachen Volkes im Hinblick auf Zerstreuung. Dessen Zugänglichkeit für vergleichsweise anspruchslose Attraktionen in den Singspiel-Hallen, „Spezialitätentheatern“ und Schaustellungen mutet naiv an. Im Vergleich zur alltäglichen Eintönigkeit aber hatten die lautstark beworbenen „Weltsensationen“ tatsächlich Unterhaltungswert.

Es verwundert nicht, dass dieses Treiben auf Heinrich Zille eine besondere Faszination ausübte. Er zeichnete im wahren Wortsinn ein ungeschminktes Bild des Berliner Rummels vor und hinter den Kulissen – humorvoll und in seiner eigenen Art immer auch mehr oder weniger sarkastisch.


Auf dem Rummel
"Wat schubberst de denn uff de Lola rum. -"
"Na heite als Engel mit det weiße Triko -
da scheint ja allens durch!"


Der Feuerfresser
"Ein Hundeleben! Seit drei Tagen habe ich
noch nichts Warmes in den Mund gebracht."

Einige der Schaubuden sind sogenannte „Piktusse“, kleinere Schaustellungen mit sehr bescheidenen Darbietungen, bei denen die Diskrepanz zwischen den Ankündigungen und dem tatsächlich Gebotenen besonders groß war. Nicht selten wurde das Publikum hier regelrecht „über den Tisch gezogen“, was dazu führen konnte, dass den Betreibern die Spielerlaubnis entzogen wurde.
So ein „Piktus“ war bisweilen nur Herren zugänglich. Offenherzig bekleidete Damen, mehr oder wenig offene Andeutungen des Rekommandeurs sowie „eindeutig zweideutige“ Abbildungen im Frontbereich ließen erotische Darbietungen oder gar Dienstleistungen erwarten, die i.d.R. nicht geboten wurden. Stattdessen bekam der Besucher Belanglosigkeiten zu sehen. Wollte er mehr, musste er Sonderzahlungen für sogenannte „Extrakabinette“ zahlen, die jedoch wiederum nicht das Erhoffte boten…

Bei den "Rosen aus dem Süden" handelt es sich wahrscheinlich um solch einen Piktus. Auf dem unteren Foto ist die Schaubude von "Fräulein Pauline", der "stärksten weiblichen Athletin und Kanonen-Königin der Gegenwart" zu sehen - "ohne Konkurrenz" und "lebend".
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Abbildungen:
Heinrich Zille: Rund um's Freibad. Berlin 1926 (oben)
Friedrich Luft: Mein Photo-Milljöh. Hannover 1967 (unten)
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Sonntag, 10. August 2008

Tauma

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Auch mein dritter Schaubudenaushang im Stil amerikanischer Sideshow-Banner wurde von einem bekannten Renaissancegemälde inspiriert.

Tauma war eine gängige Bezeichnung für die Illusion einer lebenden Dame ohne Unterkörper, allerdings befand sie sich meistens frei schwebend auf einer Schaukel. Die recht einfache Illusion fand oft in einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Kabinett statt, so dass die schwarze Hose der Dame unsichtbar war.
In der hier dargestellten Version hieß sie häufiger Fatima und war in der Regel eine Spiegelillusion.
Zur Mona Lisa passt Tauma aber ein wenig besser, finde ich.


.Die

Rechts die eigentliche "Tauma" auf einer Schaukel in einem schwarzen Kabinett "schwebend". (Sammlung Nagel)

Montag, 7. Juli 2008

Kopf ab!


Jugend 1928, H.20 (Friedrich Heubner)

Ein großer Freund des neuen „Wachsfigurenkabinetts“ der „Madame-Tussauds-Group“ (http://www.merlinentertainments.biz/) in Berlin bin ich nicht: Verringert es doch die Chancen für eine ursprünglich geplante Wiedererstehung des traditionsreichen alten Berliner Panoptikums, das vielleicht weniger spektakulär und groß war, dafür aber umso mehr Atmosphäre der Wachsfigurenkabinette früherer Zeiten vermittelte. Jedenfalls hat das neue Etablissement gleich zur Eröffnung die denkbar beste Werbung bekommen, als der umstrittenen Hitler-Figur von einem Besucher der Kopf abgerissen wurde. Die Schaustellungen von (Massen-)Mördern und Despoten gehör(t)en zu einem Wachsfigurenkabinett wie Abnormitäten, Reliquien, Folterinstrumente und abschreckende medizinische Moulagen; solche Exponate erzeugten die vielfach beschriebene schauderhafte Wirkung der Kabinette. Andererseits sind Vorbehalte gegen die Aufstellung der Hitler-Figur in der ehemaligen Reichshauptstadt nachvollziehbar. Mir fällt hier ein Abschnitt aus Friedrich Holländers Lebenserinnerungen ein: “(...) Dafür war die Schreckenskammer jederzeit geöffnet. Haarmann mit dem Hackebeil, Giftmariechen mit dem Silberblick, der schiefe Otto mit der Würgehand. Wie schön! Und vor allem das Guckloch in die Hölle, in der nackte Damen ein Rasiermesser hinunterritten. Alles in Bewegung, für einen Groschen. Nebenan waren die Politischen: Iwan der Schreckliche, Luccheni, der Mörder der schönen Kaiserin Elisabeth. Ob sie den Herrn aus dem Münchner Bürgerbräu auch einmal ausstellen werden? Wie ich meine Deutschen kenne, werden sie ihn eines Tages dahin verfrachten. Und eines Tages werden sie ihn wieder herausholen.” (Von Kopf bis Fuß. Revue meines Lebens. Berlin 2001(1965), S.132)

Freitag, 27. Juni 2008

Schmierentheater


"Schmiere" - Illustration aus "Fritz Wolff's Malerbummel", Charlottenburg um 1925 

Es zeugt vielleicht nicht eben von Geschmack, Niveau und Kultur, aber ich mag die Komödie "Der Raub der Sabinerinnen" von Franz und Paul Schönthan in der Bearbeitung von Curt Goetz sehr. Das Stück steht und fällt mit der Besetzung des Wandertheaterdirektors Emanuel Striese, der unverkennbar Züge seines Kollegen Vincent Crummles in Charles Dickens' "Nicholas Nickelby" aufweist. Hervorragend waren Fritz Muliar am Theater in der Josefstadt, Bernhard Wildenhain in der Verfilmung von 1936 oder Gustav Knuth in der Verfilmung von 1954 - und dem einmaligen Vollblutkomödianten Willi Millowitsch war der Schwank wie auf den Leib geschrieben. Alle zelebrierten geradezu den Höhepunkt des Stücks, den berühmten "Striese-Monolog" am Ende des zweiten Akts:
"STRIESE. Schmierentheater! – Hören Sie, jetzt läuft mir die Galle über! Wissen Sie denn überhaupt, was eine Schmiere ist? Es ist wahr, wir ziehen von einem Ort zum andern; aber mein erhabener Kollege, der Herzog von Meiningen, machte es ja ebenso. – Es ist wahr, daß ich meinen Schauspielern fast gar keine Gage bezahlen kann, aber dafür leisten sie desto mehr. Da ist zum Beispiel mein erster Held – ein früherer Apotheker, – das ist ein Beleuchtungsinspektor, wie Sie ihn suchen können; mit Hilfe einer einzigen Petroleumlampe und einer roten Glasscheibe läßt Ihnen der die Sonne untergehen, daß es Ihnen nur so vor den Augen flimmert. Und dabei das Familienleben unter meinen Leuten! Meine Frau kocht für die ganze Gesellschaft, damit meine Sozietäre sich an Entbehrungen gewöhnen. Der Charakterspieler ist nicht zu stolz, die Kartoffeln zu schälen, und mein Jüngster kann gar nicht einschlafen, wenn nicht der Intrigant, der gute Kerl, ihn vorher eine Stunde lang in der Stube herumträgt. Und wie anhänglich mir die Leute sind. Meine jugendlich-naive Liebhaberin ist nun bald achtzehn Jahre bei mir, sie denkt gar nicht daran, wegzugehen. Und was schließlich meine Frau anbelangt – – nicht nur, daß sie das Kassenwesen besorgt, den Schauspielern die Haare brennt, in der Stadt die Requisiten zusammenborgt und abends die größten Rollen spielt, nein, sie hat trotz dieser Ueberbürdung im Laufe der Jahre noch Zeit gefunden, mich mit einer Schar lieblicher Kinder zu beschenken. Sehen Sie, Herr Doktor, das wird an einer Schmiere geleistet, und ich bin der Direktor! Empfehle mich! Wendet sich zum Abgehen.
Der Vorhang fällt"


"Kuno von Schroffenstein: Weh mir! Ich bin verloren! Schon dringt an mein Ohr das furchtbare Schwerterklirren des feindlichen Heeres!"
Die Abbildung und der dazugehörige Text stammen aus dem Jahr 1862. Sie sind in dem wunderbaren Buch "Der Komödiantenkarren kommt. Von den Wandertheatern in Böhmen" von Lilian Schacherl enthalten. (Kempten 1967) Lilian Schacherl vermittelt kenntnisreich, ungeschminkt und sehr originell viel Wissenswertes über die reisenden "Schmierenkomödianten" vom 17. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert. Vor allem aber klingt immer wieder etwas vom Geist des "Striese-Monologs" durch die Abhandlung, die somit auch viel von der besonderen Atmosphäre der einfachen Wandertheater vergangener Zeiten vermittelt.
Diese Theater zeigten Volks- bzw. "Rührstücke", Komödien, in die, ähnlich wie beim Marionettentheater, häufig eine komische Figur eingebunden war, sowie auch Werke bekannter Dramatiker. Sehr beliebt waren z.B. Schillers "Räuber" - auch wenn die Inszenierungen solch personalintensiver Vorlagen den kleinen Truppen einiges an Improvisationstalent abverlangten. Überhaupt nahm man es i.d.R. mit der Werktreue nicht so genau: "Da das Stück mit einem Worte zu lang und natürlich kaum auszuhalten ist, so wird heute alles das, was nicht unumgänglich zum Ganzen der Geschichte gehört, wegbleiben; man versichert zugleich, daß alles so eingerichtet ist, damit es sich zuverläßig bis gegen 9 Uhr endigt, ohne daß die Zuschauer etwas an Unterhaltung verlieren werden." (Theaterzettel der Vinzenischen Gesellschaft aus dem Jahr 1784, in Ruth Eder: Theaterzettel, Dortmund 1980, S.79)

Eine Quelle aus erster Hand stellt die höchst aufschlusssreiche Autobiographie von Alfons Bolz-Feigl "Erlebnisse eines Schmierenkomödianten" (Wien 1913) dar. Bolz-Feigl schildert zahlreiche interessante  Anekdoten aus der Welt der "Schmiere, vor allem aber auch das harte Leben ihrer Schauspieler am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, womit er sich nicht zuletzt gegen allzu humoristische, klischeehafte oder romantisierende Darstellungen in zeitgenössischen Publikationen stellte.
Ein Beispiel geben nachfolgende Zeilen samt zugehöriger Abbildung einer Ausgabe der "Fliegenden Blätter" vom Januar 1896:
"(...)
Da kommen sie her. An der Spitze des Karrens
In scheck'gem Habit kurzweil'gen Hansnarrens,
Den klappernden Klepper an hanfener Strippe,
Ein Lächeln voll Würde auf spöttelnder Lippe,
Im Auge des Stolzes vernichtenden Strahl,
Der hohe Gebieter, ihr Prinzipal.
Zusammengekauert zu seinen Füßen,
Rechts blickend, links nickend mit Handkuß und Grüßen,
Im Schooße ihr Jüngstes, das bildsauber nette,
Die fesche, beliebte, adrette Soubrette.
Den Hut bis zur Braue, dicht neben der Dirne,
Hohläugig, bleichwangig, mit furchiger Stirne,
Ganz hager und mager, kein Haar auf dem Scheitel,
Verbissen, verbittert und doch maßlos eitel,
Als schärfster der Spieler berühmt und bekannt,
In ewigem Weltschmerz: der Intregant.
Doch zuckersüß lächelnd, so schmachtend , so schielend,
Kokett mit dem Fächer von Flitterstoff spielend,
Im fränkischen Reifrock, mit schmächtiger Taille,
Die Lippen wie Kirschen, die Zähne Emaile,
Geschminkt und gepudert, ein Grübchen im Kinn,
Der Stern der Gesellschaft, die Liebhaberin.
Der Held noch, massiv, wie aus Mamor gehauen,
Starkknochig, grobmusklig, ein Günstling der Frauen;
(...)
Und unsagbar rührend von Schuld und von Sühne,
Von flammender Leidenschaft sendenden Gluthen,
Von Neides und Hasses verzehrenden Wuthen,
Von seligster Liebe und brennendem Leide,
Der gaffenden Menge zur Seelenweide,
Wird munter und frisch und höchst ungenirt
Tantièmenfrei aus dem Stegreif tragirt.
Kein Autor, Verleger und keine Agenten,
Nicht Mißgunst scheelsüchtiger Zeitungsskribenten
Verbittert dem armen Director das Leben. (...)"

Die Schauspielerin Olga Heydecker-Langer geht in ihrer Mitte der 1920er Jahre niedergeschriebenen, sehr lesenswerten Autobiografie "Lebensreise im Komödiantenwagen" mit Kolleginnen und Kollegen ins Gericht, die auf die "Schmiere" herabsehen, der sie nicht selten selbst entstammen: "Mir tat es weh, wenn meine königlichen Kollegen über die 'Schmieren' ihre Witze rissen. Das Schicksal des echten Schmierenkomödianten ist tragisch. Tragisch die heiße Liebe zu seinen Idealen; denn ohne sie wäre die Kümmerlichkeit, die Not und die Verachtung nicht zu ertragen.
Schaut doch hin - ihr Auserwählten - auf eure kleinen Kollegen in der 'Provinz'! Mit welch zitterndem Ehrgeiz sie über Nacht die größten Rollen lernen, ihre armseligen Kostüme drehen und wenden und modernisieren: Essen kochen, Wäsche waschen, Kinder gebären und vergöttern, auch wenn sie sie nur in einer Eierkiste mit auf die Wanderschaft nehmen können. (...) Gehört dazu nicht viel mehr Aufopferung, viel mehr Selbstverleugnung, als in sorgloser, königlich-verbriefter Position über die Bretter tändeln? Warum schämen sich die meisten ihrer künstlerischen Vergangenheit? 
(...) Unvergeßlich ist mir da der Berliner Komiker Emil Thomas (...). 'Kindersch (...), wat en echter Komödiant is - der mimt heute auf die Hofbühne un morgen in ne Kegelbahn - denn det eenzieje wat de richtigjehende Kunst nich vertrajen kann, det is der verfluchtije Größenwahn! -- Zigeuner müßten m'r bleiben -- sonst is nischt los mit uns -- sonst is det Fluidum weg - laßt euch det von mich jesagt sind!'" (München 1928, S.167f)

Kopf eines Theaterzettels von 1878, Sammlung Nagel


Sonntag, 15. Juni 2008

Meyerheims übelriechende Sujets

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Der Tier- und Landschaftsmaler Paul Meyerheim (1842-1915) litt bereits zu Lebzeiten ein wenig darunter, dass "die Welt beliebt, den Künstler auf bestimmte Weise festzunageln. So sucht der Kenner von mir am liebsten nur übelriechende Sujets zu erwerben, als da sind: Menagerien, Affen, Löwen, Wilde usw. Aber ich male doch auch gern blumige Landschaften, Bilder mit Alpenluft und Waldesduft, doch diese alle gelten nicht als echte P.M." (Aus meinem Leben, Die Gartenlaube Nr.26, 1905, S.452)

Heute stellen Meyerheims Bilder vom Innenleben der „Tierbuden“ einmalige Zeugnisse dar, die einen realistischen Eindruck vom Geschehen und dem bescheidenen Interieur hinter den vielversprechenden Fassaden großer Menagerien bis hin zum kleinen Hunde- und Affentheater vermitteln.

Besonders fasziniert mich ein erst kürzlich erworbener Stich, der ein anderes Schaubuden-Genre zum Thema hat. Die „Schaustellung wilder Indianer“ zeigt das Innere einer typischen Bude, in der vermeintlich „ungezügelte Wilde“ wilde, rituelle Tänze aufführen. Auf den einfachen Holzbänken des ersten Platzes sowie auf den Stehplätzen dahinter staunt das einfache, offensichtlich ländliche Volk über diesen Einbruch einer ungezügelten, animalischen Exotik (man beachte die bereitliegenden Ketten) in die begrenzte und wohlgeordnete eigene Lebenswirklichkeit. Auch die aus dem Halbdunkel der schlichten Segeltuchbude schemenhaft auftauchenden wild zusammengewürfelten Ausstellungsstücke aus weit entfernt liegenden Ländern sind Teil dieser so einfachen wie beeindruckenden Inszenierung. Der Herr über diese Enklave einer verstörend sinnlichen, fremdartigen und scheinbar primitiven Welt ist der in die Phantasieuniform des weit gereisten Abenteurers gekleidete Schaubudenbesitzer…

(Informationen zur Schaustellung von Menschen aus weit entfernten Erdteilen im Kapitel „Völkerschau“ unter http://www.schaubuden.de/)
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Dienstag, 27. Mai 2008

E.T.A.

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Für E.T.A. Hoffmann (1776-1822) übten die Attraktionen des auf den Jahrmärkten offensichtlich eine große Faszination aus. Die Beschreibung der Kunststücke der Schützlinge eines „Flohbändigers“ im „Meister Floh“ (1822) zeigt, dass es „Flohcircusse“, wenn auch nicht unter dieser Bezeichnung, schon Anfang des 19. Jahrhunderts gab.
Interessant sind auch die Aussagen über Wachsfigurenkabinette in „Die Automate“ von 1814. Die Erzählung belegt, dass in Panoptiken schon damals „Mörder“ und „Spitzbuben“ ausgestellt waren und die Etablissements wohl von jeher eine unheimliche Atmosphäre vermittelten.
Ganz besonders war Hoffmann von Automaten eingenommen, weniger allerdings von den „Tändeleien, wie sie wohl öfters auf Messen und Jahrmärkten gezeigt werden“ (Die Automate), als vielmehr von den erstaunlichen Kunstwerken großer Mechaniker.
Das Automatenthema taucht immer wieder auf, u.a. natürlich im Sandmann. In dieser faszinierenden wie beklemmenden Erzählung geht es um die „Liebe“ des Studenten Nathanael zur „Automatin“ Olimpia.
Die künstlichen Menschen bei E.T.A. Hoffmann waren und sind ein beliebtes Thema für literaturwissenschaftliche Abhandlungen, u.a. auch von Autoren mit marxistischen Ansatzpunkten. (exemplarisch Lienhard Wawrzyn: Der Automaten-Mensch. E.T.A. Hoffmanns Erzählung vom Sandmann. Berlin 1985) Zum Teil scheinen mir solcherlei Interpretationen trotz dogmatischer Herangehensweisen nicht ganz abwegig. Der Automatenmensch ist der „bürgerliche“, „entfremdete“, eben „künstliche“ Mensch mit einem eingeschränkten Verständnis von „Wirklichkeit“ bzw. einer beschränkten Sicht auf die Welt:
„Ach diese zauberhaften Entzauberer, diese liebenswerten Entwerter der Liebe, sie sind ja Gespenster, und doch Alltagswesen, langbeinig und mit Wimpernprothesen, und selbstverständlich physisch vollkommen, und selbstverständlich aufgeklärt.- Noch keine Berufsfeministinnen, das macht den Vorzug wie auch den Nachteil ihres Charmes. Sie sind Erzeuger der Sehnsucht nach etwas, das sie ihrem Wesen nach nicht sind, auch darin repräsentieren sie (…) einen Zug nicht nur des Bürgertums. – Idealinkarnationen der praktischen Vernunft, aber denkt man sie zu Ende, heißt ihre Königin Olimpia. – Die Gesellschaft der Programmierten. – Doch nicht die Automatin ist das Schauerliche, sondern dass sich einer bis zum Wahnsinn in sie verliebt.
Freilich: Er braucht dazu eine besondere Brille.“

(Franz Fühmann: Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E.T.A. Hoffmann. München 1984, S.104)
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Freitag, 23. Mai 2008

Pardauz!

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Obwohl sie sehr einfach gestaltet sind, zählen die über 100 Jahre alten Ankündigungszettel reisender Marionettentheater zu den interessantesten Stücken meiner kleinen Sammlung.
Im 19. Jahrhundert boten zahlreiche Marionettenspieler vor allem einem ländlichen Publikum Abwechslung im oftmals eintönigen Alltag. Gespielt wurde vornehmlich in Gasthaussälen.
Star des Ensembles war stets die triebbestimmte, verfressene, teils anarchistische Gestalt des Kaspers, eine durchaus widersprüchliche Figur, die gleichermaßen kindlich-naiv und gerissenen sowie furchtlos und feige sein konnte – eine Identifikationsfigur des Publikums eben.

Ausschnitt eines Zettel von Max Dreyßigs Marionettentheater; Sammlung Nagel
Der Kasper machte auch aus tragischen, hochdramatischen Stoffen ein Lustspiel.
„Kasper wird als Räuber den geehrten Theaterfreunden einen heiteren und fröhlichen Abend bereiten.“


Selbstverständlich spielte er auch im sehr verbreiteten Ritterschauspiel „Genoveva, die Pfalzgräfin vom Rhein oder Sieben Jahre unschuldig verstoßen in der Wildnis“ eine tragende Rolle:
„Da war unter den Dienern auf der Burg einer im gelben Nankinganzug, der hieß Kasperl. Wenn dieser Bursche nicht lebendig war, so war noch niemals etwas lebendig gewesen; er machte die ungeheuersten Witze, so dass der ganze Saal vor Lachen bebte; (…).“


Sammlung Nagel
Theodor Storms „Pole Poppenspäler“ ist ein wunderbares literarisches Zeugnis dieser einst sehr verbreiteten populären Kultur. Hier wird auch beschrieben, wie der Kasper in das ebenfalls sehr beliebte Faust-Stück eingeführt wurde:
„Ein hochgewölbtes gotisches Zimmer zeigte sich. Vor einem aufgeschlagenen Folianten saß im langen schwarzen Talar der Doktor Faust und klagte bitter, dass ihm all seine Gelehrsamkeit so wenig einbringe; keinen heilen Rock habe er mehr am Leibe und vor Schulden wisse er sich nicht zu lassen; so wolle er denn jetzo mit der Hölle sich verbinden. – ‚Wer ruft nach mir?’ ertönte zu seiner Linken eine furchtbare Stimme von der Wölbung des Gemaches herab. ‚Faust, Faust, folge nicht!’ kam eine andere, feine Stimme von der Rechten. – Aber Faust verschwor sich den höllischen Gewalten. – ‚Weh, weh deiner armen Seele!’ Wie ein seufzender Windeshauch klang es von der Stimme des Engels; von der Linken schallte eine gellende Lache durchs Gemach. – Da klopfte es an die Tür. ‚Verzeihung, Euere Magnifizenz!’ Fausts Famulus Wagner war eingetreten. Er bat, ihm für die grobe Hausarbeit die Annahme eines Gehilfen zu gestatten, damit er sich besser aufs Studieren legen könne. ‚Es hat sich’, sagte er, ‚ein junger Mann bei mir gemeldet, welcher Kasperl heißt und gar fürtreffliche Qualitäten zu besitzen scheint.’ – Faust nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte: ‚Sehr wohl, lieber Wagner, diese Bitte sei euch gewährt.’ (…) ‚Pardauz!’ rief es; und da war er. Mit einem Satz kam er auf die Bühne gesprungen, dass ihm das Felleisen auf dem Buckel hüpfte.“
Am Ende des Stückes, bevor Gretel und Kasper den traditionellen Kehraus tanzen, wird Faust unter Feuerregen und Donnergrollen von Teufeln in die Höhle gezehrt. In diesem letzten Aufzug hat Kasper eine neue Rolle:
„Endlich ist die Frist verstrichen. Faust und Kasper sind beide wieder in ihrer Vaterstadt. Kasper ist Nachtwächter geworden; er geht durch die dunklen Straßen und ruft die Stunden ab:
‚Hört ihr Herrn, und lasst euch sagen,
Meine Frau hat mich geschlagen;
Hüt’t euch vor dem Weiberrock!
Zwölf ist der Klock! Zwölf ist der Klock!’
Von fern hört man die Glocke Mitternacht schlagen. Da wankt Faust auf die Bühne; er versucht zu beten, aber nur Heulen und Zähneklappern tönt aus seinem Halse. Von oben ruft eine Donnerstimme:
‚Fauste, Fauste, in aeternum damnatus es!’“



Die verbliebenen reisenden Marionettentheater präsentieren fast ausschließlich nur noch Märchenstücke für Kinder, wobei allerdings die Figur des Kaspers in altbewährter Manier eingebunden wird. Einige Puppenspieler der verbreiteten Sperlich-Sippe zeigen noch solches Puppentheater, zum Teil sehr gut gespielt. Die besten Aufführungen erlebte ich 1990 im Zelt-Marionettentheater von Siegfried Pandel, der im Anschluss an das Hauptstück wie alle besseren Spieler noch Varieté- oder Kunstmarionetten zeigte, die eine besondere Kunstfertigkeit des Puppenspielers verlangen.
Die alten Stücke sind allenfalls noch auf Kulturveranstaltungen und Festivals zu sehen. Besondere Verdienste hat sich hier das Traditionelle Marionettentheater Dombrowsky erworben (http://www.dombrowsky-marionetten.de/). Nachfahren der alten Marionettenspielerfamilie Bille zeigen zumindest noch den Faust (http://www.marionettentheater-bille.de/).
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Donnerstag, 22. Mai 2008

Jahrmarktstheater Comagnia Buffo

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In diesem Jahr bestreitet der ungemein wandlungsfähige und ausdruckstarke Ausnahme-Komödiant Willi Lieverscheidt leider nur ein Solo-Programm mit Stücken von Dario Fo.
Das ist natürlich sehenswert, aber ein theatralisches Ereignis wie die vorangegangenen Zelt-Produktionen der Compagnia Buffo ist das nicht mehr. Auf der Webseite http://www.compagnia-buffo.de/ werden noch einige der vergangenen Programme vorgestellt (www.compagnia-buffo.de/Programm.htm), da kann man ein wenig wehmütig werden:
„COMPAGNIA BUFFO greift in der theatralischen Umsetzung auf das volkstümliche Theater zurück und setzt Opera Buffo, Puppenspiel, Maskenspiel, Zauberei, Schattentheater, Schwarzes Theater, Stummfilm, Pantomime und Klangkörpererfindungen in Szene. Das Zelt-Theater-Spektakel der COMAGNIA BUFFO ist weit davon entfernt nur Jahrmarktsklamauk zu sein - poetisch und derb, entrückt und bodennah, schauerlich und rührend zugleich sprudeln ihre verrückten Phantasien. Im Detail immer wieder sehr zart gewebt, ohne Einbußen der Kindsköpfigkeit und des Blödsinns.“

Hoffentlich bleibt die Zelttournee mit einer Solo-Produktion nur eine Episode! Willi Lieverscheidt scheint jedenfalls wenig optimistisch zu sein. "An ein großes Revival des Zelttheaters glaubt er nicht. 'Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen der Idealismus.'" (Westfälische Nachrichten vom 16.5.2008)
Man merkt das auch am Publikum, dass sehr viel älter ist als das vornehmlich studentische früherer Jahre. Viele sind wie ich alte Fans der Compagnia. Auch wenn man weiterhin in Universitätsstädten spielt, die jungen Leute haben heute zum großen Teil offensichtlich andere Interessen...
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Freitag, 16. Mai 2008

Sammlerfreuden

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Das Ausmaß dieser Freude können nur Sammler verstehen: Nach jahrelangem Suchen konnte ich endlich einen Führer eines der letzten reisenden Panoptiken aus den 1950er Jahren erstehen. Obwohl ich zahlreiche "Cataloge" von Wachsfigurenkabinetten weit älteren Datums besitze, stellt dieses Exemplar etwas Besonderes für mich dar.

Hoppes Panoptikum "Der Mensch in gesunden und in kranken Tagen" war eine reine anatomisch-pathologische Schau, umfasste also nicht auch Wachsfiguren von Berühmtheiten, "Verbrechergalerien", Kuriositäten, Reliquien, Naturkundliches usw.

Solche "Aufklärungsschauen" oder auch entsprechende Abteilungen in herkömmlichen Panoptiken boten - wie heute "google" - hypochondrisch veranlagten Menschen zahlreiche Möglichkeiten zur Selbstdiagnose ihrer diversen Wehwehchen, so zum Beispiel der hier abgebildete "Schmerzensmann: "Was könnte es sein? Eine Schädigung oder Entzündung? - Bitte, drücken Sie auf die am Torso angebrachten Druckknöpfe, an die Stelle, wo es bei ihnen weh tut. An den Leuchttafeln (...) wird das Organ aufleuchten, das ihnen evtl. Beschwerden verursacht."
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Mittwoch, 14. Mai 2008

Ich sehe 'was, ...


Detail des Titels einer Ausgabe der "Lustigen Blätter" von 1909


Schön, dass (wenigstens) sie noch manchmal auf Jahrmärkten anzutreffen sind, die Wahrsagerinnen und Wahrsager.

Die Wahrsagerei – meist handelt es sich um Handlinienlesen - bedarf dabei einer gewissen Befähigung: Naiven bzw. leichtgläubigen Gemütern muss der Eindruck erweckt werden, dass tatsächlich genau ihre Lebensumstände, Ängste und Wünsche durchschaut werden und ein Blick in die Zukunft möglich ist – den anderen muss zumindest eine gute Show geboten werden.



Eines der Bilder zeigt den Wagen der Wahrsagerin „Medusa“. Sie wurde als Pia Maria Traber geboren und heißt mit Nachnamen Lagrin-Lemoine – drei alte Komödiantennamen. Viele Lemoines sind heute als Schausteller auf Jahrmärkten tätig, u.a. mit einer der letzten Boxbuden. Andere betreiben eine Auto-Stunt-Show. Auch der bekannte Comedy-Jongleur Patrick Lemoine entstammt dieser Familie ehemaliger Hochseilartisten.
Lagrin wiederum sind Komödianten, die verwandtschaftliche Beziehungen zu „Zigeunern“ haben. Letzteren wurden „wahrsagerische Fähigkeiten“ schon immer nachgesagt. Weitergegeben wurden und werden allerdings nicht solcherart Begabungen, sondern die Kunst, diese vorzutäuschen…
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Auch die Wahrsagerin "Odessa" (Monika Traber) entstammt einem
 alten Komödiantengeschlecht.
















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Montag, 5. Mai 2008

Komödianten

Souvenirkarte 1936, Sammlung Nagel

Karl von Holteis Schilderungen der Gepflogenheiten fahrender Unterhaltungskünstler aus der Mitte des 19. Jahrhunderts haben über weite Strecken bis in unsere Tage Gültigkeit: Er wurde wider seinen Willen eingeweiht in Privatverhältnisse unzähliger Familien, Truppen, Gesellschaften, Banden, Unternehmungen, die, auf Neugier, Torheit, Leichtgläubigkeit oder Vergnügungssucht der Menschen spekulierend, seit Menschengedenken vom Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter forterbend, die Welt durchstreifen, und allüberall, wo sie sich begegnen, neben dem giftigsten Brotneid doch stets einige gegenseitige Rücksichten, Gefälligkeiten, Aushilfen und sogar Freundschaft für einander haben und üben." (aus "Die Vagabunden)

Sie sind ein eigenwilliges Völkchen und ein sehr lebendiger, liebenswerter Anachronismus - die Komödianten. Irgendwie will dieses „Fahrende Volk“ nicht so recht in unsere moderne Welt passen – nicht sesshaft, ganz eigenen Regeln und Traditionen verpflichtet und einem ausgeprägten Familien- und Gemeinschaftssinn verbunden.
Viele „Eigenarten“ „der“ Komödianten können Leuten von „Privat“ schnell aufstoßen – besonders wenn sie allzu naive und romantisierende Vorstellungen vom Leben der „Gaukler“ haben. Man muss sie zu nehmen wissen und immer eine gewisse Distanz bewahren – die die Leute von „die Reise“ auch zu uns „Privaten“ oder „Bauern“ gegenüber oft einhalten.
Andererseits ist gerade das Fortbestehen dieser Eigentümlichkeiten einer der vielen faszinierenden Aspekte der Reisenden – die unserer modernen bürgerlichen Gesellschaft so fremd, fast unwirklich scheinen.

Illustration in einer Zeitschrift des Jahres 1897, Sammlung Nagel
Komödianten sind seit vielen Generationen reisende Unterhaltungskünstler, die verschiedenen Sippen angehören.
Da Komödianten i.d.R. Komödianten heiraten, bestehen weit verzweigte verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den einzelnen Familien.
Früher traten viele Komödianten als Artisten auf Marktplätzen vor allem zur Jahrmarktzeit auf, teils „publik“ unter freiem Himmel, teils in Schaubuden.

Einige Familien traten vor allem als Hochseilläufer in Erscheinung, die über den Marktplätzen kleiner Städte ihr Seil spannten.
Im Winter spielten viele Komödianten zum Tanz auf ländlichen Festen auf, einige zeigten auch derbe Dramen und Lustspiele in Gasthaussälen.
Puppentheater von Heiko Maatz 2007, Nagel

Ein weiteres verbreitetes Betätigungsfeld war das Puppenspiel, wobei unterschieden werden muss zwischen dem oft sehr anspruchsvollen Marionettenspiel und dem Handpuppen-Spiel auf Jahrmärkten.
Auch heute noch treten Nachfahren der einst regional sehr bekannten Marionettenspielerfamilien auf. Verbreiteter ist allerdings das einfachere Handpuppenspiel. Bekannte Puppenspieler-Familien sind u.a. Maatz, Richter oder Bille.

Viele der Familien, die früher als Hochseilartisten sehr bekannt waren, betreiben heute Auto-Rodeos
Sammlung Nagel
(z.B. Bossle) oder Circusse (z.B. Nock oder Stey). Einige sind weiterhin im Hochseilgeschäft, neben dem berühmten Namen „Traber“ u.a. Neigert, Weisheit und Bügler.

Auch auf Jahrmärkten findet man vor allem kleine und mittelgroße Schausteller-Geschäfte von Komödianten.

Die eigentliche Domäne der Komödianten ist jedoch der Familiencircus, es gibt kaum einen der Komödiantennamen der unter den vielen hundert Circussen in Deutschland nicht vertreten ist. Einige Namen tauchen gleich dutzendfach auf, besonders viele Circusse werden von Mitgliedern der Familien Frank, Spindler, Köllner und Sperlich betrieben.
Früher spielten sie zumeist publik in „Arenen“, später in Einmastzelten, die man heute nur noch selten vorfindet. Die meisten Circusse verfügen heute über Zwei- oder Viermastzelte. Die Bandbreite reicht dabei weiterhin von Kleinstcircussen mit einer Handvoll Familienangehöriger, über die vielen typischen Familiencircusse bis hin zu Unternehmen, die engagierte Artisten im Programm haben. Einige Komödianten präsentieren regelrechte „Großcircusse“, wobei bestimmte Formen des Auftretens nicht immer so ganz mit dem Anspruch, großen, „seriösen“ Circus zu bieten, im Einklang stehen…

Heidi Spindler, Circus Aramannt 1993

Während die anderen Namen auch in vielen weiteren Bereichen des ambulanten Unterhaltungsgewerbes auftauchen, sind die Franks in besonderer Weise dem Circusgeschäft verbunden. Sie gelten als hervorragende Dresseure und zum Teil auch Musiker. Dabei versprühen sie allerdings oft einen besonderen „herben bis derben Charme“, der sich nicht jedem mitteilt …
Es soll nicht verschwiegen werden, dass es unter den „Komödiantencircussen“ einige gibt, die wegen ihres „Geschäftsgebarens“ und anderer unschöner Machenschaften dem Ruf der Branche sehr schaden. Daneben gibt es aber viele kleine Circusse alter Komödiantenfamilien, die mit Hingabe begeisternden Circus machen, einige sind hier aufgeführt: http://www.chapiteau.de/feinekleine.htm Jonny Casselly ist hierbei z. Zt. auch mein Favorit.