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| Schaubude aus einem Schuhkarton, Heike Sprung 2001 |
Bild- sowie direkte und indirekte Textzitate nur unter genauer Quellenangabe! Stefan Nagel: www.schaubuden.blogspot.de
Samstag, 21. November 2009
Neu auf schaubuden.de
Donnerstag, 5. November 2009
Hauen und stechen
Darüber hinaus wurde auf den Jahrmärkten lange Zeit auch gefochten:
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| Le Parade de Boulevard de Sailnt-Aubin (1760) |
Gemälde von Gabriel Jacques de Saint-Aubin aus der Londoner Nationalgalerie in: Daheim.
Ein deutsches Familienblatt. 48. J.g. Nr.11, 16. Dezember 1911, S.21
Sonntag, 25. Oktober 2009
Mit Pauken und Trompeten
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| Illustration in einer französischen Zeitschrift aus dem Jahr 1884, Sammlung Nagel |
Größere Schaustellungen führten kleine Ensembles mit. Die Musiker kamen vor allem aus Böhmen und der Pfalz - sehr häufig aus der Gegend um das Dorf Mackenbach, so dass bei Schaustellern und Circussen engagierte Musiker im Jargon der Reisenden "Mackenbacher" genannt wurden. Es war aber auch durchaus üblich, Musiker vor Ort für die Dauer des Jahrmarkts zu engagieren. Die Kapellen spielten bei der Parade auf und begleiteten die Vorstellungen von Liliputanershows, Zauberern und Jahrmarktvarietés oder -circussen.
Letztendlich waren die zahlreichen lautstarken Jahrmarktsorgeln, die ganze Orchester imitieren konnten, eine Möglichkeit das Publikum anzulocken. Diese Orgeln bildeten mit ihrem überbordenden Jahrmarktsbarock und den beweglichen Figuren zudem einen ansprechenden Blickfang und wurden deshalb stets an exponierter Stelle im Fassadenbereich aufgestellt. Besonders Kinematographen und Panoptiken verfügten häufig über besonders eindrucksvolle Orgeln. Als Zentrum des Orgelbaus erlangte Waldkirch im Breisgau große Bekanntheit. Viele der dort vor allem von den Firmen Ruth und Bruder produzierten Jahrmarktsorgeln sind seit Generationen im Besitz alter Schaustellerfamilien und bilden nostalgische Schmuckstücke im hektischen Treiben auf dem Rummel unserer Tage.
Daneben präsentieren einige Sammler und Museen die alten Schätzchen im tadellosen und oftmals funktionstüchtigen Zustand. Die nachfolgend abgebildete Ruth-Orgel aus dem Besitz von Ruud Vader ist das Exemplar, welches auf dem Foto einer Liliputanerbude vom Anfang des 20. Jahrhunderts zu sehen ist. Sie wurde 1907 ausgeliefert und beschallte später eine Krinoline sowie ein kleines Riesenrad, eine sog. "Russische Schaukel".

(Die Informationen zur Geschichte der Orgel sowie das Farbfoto stammen von Ruud Vader, die alte Abbildung ist aus meiner Sammlung.)
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Sonntag, 20. September 2009
Walburga
Die Nummer 5 meiner Sideshow-Banner ist eine "Riesen- oder Kolossaldame" mit dem passenden Namen "Walburga". Nähere Informationen zur Schaustellung besonders übergewichtiger Menschen finden sich im Kapitel "Abnormitäten" bei www.schaubuden.de.
Samstag, 29. August 2009
Allerlei Mittel für glänzendes Falschgeld, geschmeidige Fürze und den verderbten Magen
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| Es ist gut möglich, dass auch dieser Zauberer am Schluss der Vorstellung den Dorfbewohnern ein Mittel gegen diverse Unpässlichkeiten offerierte. (Holzstich, Sammlung Nagel) |
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| Abbildung in einer französischen Zeitschrift der 2. Hälfte des 19. Jh., Slg. Nagel |
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| Werbung für das "Nerven-Nährpräparat Nervosin", frühe 20er Jahre |
Mittwoch, 29. Juli 2009
Von einem der auszog ...
| Heimbügers Grab auf Münsters Zentralfriedhof |
* Alexander Heimbürger: Ein moderner Zauberer. Erster Band. Münster 1882, S.263ff
Donnerstag, 18. Juni 2009
kopflos
Mein vierter Aushang im Stil plakativer amerikanischer Sideshow-Banner hat einen weiteren Schaubuden-Klassiker zum Thema, die Frau ohne Kopf.
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| Sammlung Nagel |
Dienstag, 25. November 2008
"Zum Schluss ist die Somnambule zu sprechen"

Das „Cabinet des Dr. Caligari“ im gleichnamigen Stummfilm-Klassiker von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 ist eine Schaubude, in dem der vermeintlich weissagende „Somnambule“ Cesare auftritt.
Montag, 10. November 2008
Valentins Weltwunder
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| Valentins "Okroberfest-Schaubude". München, Kabarett Charivari 1920 Die Flöte spielt Bertolt Brecht, Karl Valentin die Tuba. Die "Rekommandeuse" an der Glocke ist Liesl Karlstadt. |
"Das Attraktionsprogramm mit Fräulein Lilly Wiesi Wiesi; das größte Weib, das je in Europa gezeigt wurde. Die Dame ist 2-3 m groß und wiegt 280 Pfund. (...) Um ihre Größe beizubehalten, isst die Dame nur längliche Speisen, wie Stangenspargel, Makkaroni, Rhabarber und Salzstangerln. Getränke muss sie sprudelnd heiß trinken, da die im Munde eingenommenen heißen Flüßigkeiten infolge der langen Speiseröhre meistens eiskalt in den Magen kommen und zu einer Magenerkältung führen könnten. (...)"
Samstag, 1. November 2008
Rheinisches Panoptikum Kommern
Montag, 29. September 2008
Affiger Gruß

Der Schausteller Traugott Petter (1907 – 1980) reiste bereits Ende der 20er Jahre mit einer Schaubude, in der er typische Attraktionen wie Riesen, Liliputaner und eine 560 Pfund schwere Kolossaldame präsentierte.
Berühmt wurde er in den 30ern mit seiner Aufsehen erregenden Schimpansenschau. Die besonderen Leistungen seiner Tiere auf der Bühne hingen sicherlich nicht zuletzt mit dem innigen Verhältnis Petters zu seinen Tieren und ihren besonderen Haltungsbedingungen zusammen: Die Tiere lebten mit der Familie zusammen im Wohnwagen und wurden nach Aussage der Kinder noch fürsorglicher behandelt als diese.
Diese tierische Parodie erregte natürlich das Missfallen der Nazis, und Petter wurde unter Androhung der „Abschlachtung“ seiner Tiere aufgefordert, ihnen den Trick wieder abzutrainieren. Der Schausteller gehorchte, trotzdem blieb die Geschichte für ihn nicht folgenlos: Er wurde an die Ostfront geschickt und seine Affen gingen vermutlich aus Trennungsschmerz einer nach dem anderen ein…
Samstag, 23. August 2008
Zille und die Piktusse
Die bescheidenen Rummelplätze am Stadtrand gehörten zu den wenigen Stätten des Vergnügens für das Berliner Proletariat in den Jahrzehnten um die vorletzte Jahrhundertwende. Hier war ein wenig Abwechslung vom tristen Alltag in den Fabriken, Mietskasernen und Hinterhöfen zu finden. Insbesondere die Schaubuden ermöglichten Einblicke in eine Welt außerhalb dieser Tristesse, eine Welt voller Exotik und Wunder.
Dabei ging es auf diesen kleinen staubigen Rummelplätzen kaum weniger bescheiden zu. Die Verdienstmöglichkeiten der Schausteller waren so gering wie die Ansprüche des einfachen Volkes im Hinblick auf Zerstreuung. Dessen Zugänglichkeit für vergleichsweise anspruchslose Attraktionen in den Singspiel-Hallen, „Spezialitätentheatern“ und Schaustellungen mutet naiv an. Im Vergleich zur alltäglichen Eintönigkeit aber hatten die lautstark beworbenen „Weltsensationen“ tatsächlich Unterhaltungswert.
Es verwundert nicht, dass dieses Treiben auf Heinrich Zille eine besondere Faszination ausübte. Er zeichnete im wahren Wortsinn ein ungeschminktes Bild des Berliner Rummels vor und hinter den Kulissen – humorvoll und in seiner eigenen Art immer auch mehr oder weniger sarkastisch.

Auf dem Rummel
"Wat schubberst de denn uff de Lola rum. -"
"Na heite als Engel mit det weiße Triko -
da scheint ja allens durch!"

Der Feuerfresser
"Ein Hundeleben! Seit drei Tagen habe ich
noch nichts Warmes in den Mund gebracht."
Einige der Schaubuden sind sogenannte „Piktusse“, kleinere Schaustellungen mit sehr bescheidenen Darbietungen, bei denen die Diskrepanz zwischen den Ankündigungen und dem tatsächlich Gebotenen besonders groß war. Nicht selten wurde das Publikum hier regelrecht „über den Tisch gezogen“, was dazu führen konnte, dass den Betreibern die Spielerlaubnis entzogen wurde.
So ein „Piktus“ war bisweilen nur Herren zugänglich. Offenherzig bekleidete Damen, mehr oder wenig offene Andeutungen des Rekommandeurs sowie „eindeutig zweideutige“ Abbildungen im Frontbereich ließen erotische Darbietungen oder gar Dienstleistungen erwarten, die i.d.R. nicht geboten wurden. Stattdessen bekam der Besucher Belanglosigkeiten zu sehen. Wollte er mehr, musste er Sonderzahlungen für sogenannte „Extrakabinette“ zahlen, die jedoch wiederum nicht das Erhoffte boten…
Bei den "Rosen aus dem Süden" handelt es sich wahrscheinlich um solch einen Piktus. Auf dem unteren Foto ist die Schaubude von "Fräulein Pauline", der "stärksten weiblichen Athletin und Kanonen-Königin der Gegenwart" zu sehen - "ohne Konkurrenz" und "lebend"..
Abbildungen:
Heinrich Zille: Rund um's Freibad. Berlin 1926 (oben)
Friedrich Luft: Mein Photo-Milljöh. Hannover 1967 (unten)
....
Sonntag, 10. August 2008
Tauma
Auch mein dritter Schaubudenaushang im Stil amerikanischer Sideshow-Banner wurde von einem bekannten Renaissancegemälde inspiriert.
Tauma war eine gängige Bezeichnung für die Illusion einer lebenden Dame ohne Unterkörper, allerdings befand sie sich meistens frei schwebend auf einer Schaukel. Die recht einfache Illusion fand oft in einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Kabinett statt, so dass die schwarze Hose der Dame unsichtbar war.
In der hier dargestellten Version hieß sie häufiger Fatima und war in der Regel eine Spiegelillusion.
Zur Mona Lisa passt Tauma aber ein wenig besser, finde ich.

.Die
Rechts die eigentliche "Tauma" auf einer Schaukel in einem schwarzen Kabinett "schwebend". (Sammlung Nagel)
Montag, 7. Juli 2008
Kopf ab!
Freitag, 27. Juni 2008
Schmierentheater
Der Vorhang fällt"
"Kuno von Schroffenstein: Weh mir! Ich bin verloren! Schon dringt an mein Ohr das furchtbare Schwerterklirren des feindlichen Heeres!" Die Abbildung und der dazugehörige Text stammen aus dem Jahr 1862. Sie sind in dem wunderbaren Buch "Der Komödiantenkarren kommt. Von den Wandertheatern in Böhmen" von Lilian Schacherl enthalten. (Kempten 1967) Lilian Schacherl vermittelt kenntnisreich, ungeschminkt und sehr originell viel Wissenswertes über die reisenden "Schmierenkomödianten" vom 17. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert. Vor allem aber klingt immer wieder etwas vom Geist des "Striese-Monologs" durch die Abhandlung, die somit auch viel von der besonderen Atmosphäre der einfachen Wandertheater vergangener Zeiten vermittelt.
Diese Theater zeigten Volks- bzw. "Rührstücke", Komödien, in die, ähnlich wie beim Marionettentheater, häufig eine komische Figur eingebunden war, sowie auch Werke bekannter Dramatiker. Sehr beliebt waren z.B. Schillers "Räuber" - auch wenn die Inszenierungen solch personalintensiver Vorlagen den kleinen Truppen einiges an Improvisationstalent abverlangten. Überhaupt nahm man es i.d.R. mit der Werktreue nicht so genau: "Da das Stück mit einem Worte zu lang und natürlich kaum auszuhalten ist, so wird heute alles das, was nicht unumgänglich zum Ganzen der Geschichte gehört, wegbleiben; man versichert zugleich, daß alles so eingerichtet ist, damit es sich zuverläßig bis gegen 9 Uhr endigt, ohne daß die Zuschauer etwas an Unterhaltung verlieren werden." (Theaterzettel der Vinzenischen Gesellschaft aus dem Jahr 1784, in Ruth Eder: Theaterzettel, Dortmund 1980, S.79)
Eine Quelle aus erster Hand stellt die höchst aufschlusssreiche Autobiographie von Alfons Bolz-Feigl "Erlebnisse eines Schmierenkomödianten" (Wien 1913) dar. Bolz-Feigl schildert zahlreiche interessante Anekdoten aus der Welt der "Schmiere, vor allem aber auch das harte Leben ihrer Schauspieler am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, womit er sich nicht zuletzt gegen allzu humoristische, klischeehafte oder romantisierende Darstellungen in zeitgenössischen Publikationen stellte.
Ein Beispiel geben nachfolgende Zeilen samt zugehöriger Abbildung einer Ausgabe der "Fliegenden Blätter" vom Januar 1896:
"(...)
Da kommen sie her. An der Spitze des Karrens
In scheck'gem Habit kurzweil'gen Hansnarrens,
Den klappernden Klepper an hanfener Strippe,
Ein Lächeln voll Würde auf spöttelnder Lippe,
Im Auge des Stolzes vernichtenden Strahl,
Der hohe Gebieter, ihr Prinzipal.
Zusammengekauert zu seinen Füßen,
Rechts blickend, links nickend mit Handkuß und Grüßen,
Im Schooße ihr Jüngstes, das bildsauber nette,
Die fesche, beliebte, adrette Soubrette.
Den Hut bis zur Braue, dicht neben der Dirne,
Hohläugig, bleichwangig, mit furchiger Stirne,
Ganz hager und mager, kein Haar auf dem Scheitel,
Verbissen, verbittert und doch maßlos eitel,
Als schärfster der Spieler berühmt und bekannt,
In ewigem Weltschmerz: der Intregant.
Doch zuckersüß lächelnd, so schmachtend , so schielend,
Kokett mit dem Fächer von Flitterstoff spielend,
Im fränkischen Reifrock, mit schmächtiger Taille,
Die Lippen wie Kirschen, die Zähne Emaile,
Geschminkt und gepudert, ein Grübchen im Kinn,
Der Stern der Gesellschaft, die Liebhaberin.
Der Held noch, massiv, wie aus Mamor gehauen,
Starkknochig, grobmusklig, ein Günstling der Frauen;
(...)
Und unsagbar rührend von Schuld und von Sühne,
Von flammender Leidenschaft sendenden Gluthen,
Von Neides und Hasses verzehrenden Wuthen,
Von seligster Liebe und brennendem Leide,
Der gaffenden Menge zur Seelenweide,
Wird munter und frisch und höchst ungenirt
Tantièmenfrei aus dem Stegreif tragirt.
Kein Autor, Verleger und keine Agenten,
Nicht Mißgunst scheelsüchtiger Zeitungsskribenten
Verbittert dem armen Director das Leben. (...)"
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| Kopf eines Theaterzettels von 1878, Sammlung Nagel |
Sonntag, 15. Juni 2008
Meyerheims übelriechende Sujets
Der Tier- und Landschaftsmaler Paul Meyerheim (1842-1915) litt bereits zu Lebzeiten ein wenig darunter, dass "die Welt beliebt, den Künstler auf bestimmte Weise festzunageln. So sucht der Kenner von mir am liebsten nur übelriechende Sujets zu erwerben, als da sind: Menagerien, Affen, Löwen, Wilde usw. Aber ich male doch auch gern blumige Landschaften, Bilder mit Alpenluft und Waldesduft, doch diese alle gelten nicht als echte P.M." (Aus meinem Leben, Die Gartenlaube Nr.26, 1905, S.452)
Heute stellen Meyerheims Bilder vom Innenleben der „Tierbuden“ einmalige Zeugnisse dar, die einen realistischen Eindruck vom Geschehen und dem bescheidenen Interieur hinter den vielversprechenden Fassaden großer Menagerien bis hin zum kleinen Hunde- und Affentheater vermitteln.
Besonders fasziniert mich ein erst kürzlich erworbener Stich, der ein anderes Schaubuden-Genre zum Thema hat. Die „Schaustellung wilder Indianer“ zeigt das Innere einer typischen Bude, in der vermeintlich „ungezügelte Wilde“ wilde, rituelle Tänze aufführen. Auf den einfachen Holzbänken des ersten Platzes sowie auf den Stehplätzen dahinter staunt das einfache, offensichtlich ländliche Volk über diesen Einbruch einer ungezügelten, animalischen Exotik (man beachte die bereitliegenden Ketten) in die begrenzte und wohlgeordnete eigene Lebenswirklichkeit. Auch die aus dem Halbdunkel der schlichten Segeltuchbude schemenhaft auftauchenden wild zusammengewürfelten Ausstellungsstücke aus weit entfernt liegenden Ländern sind Teil dieser so einfachen wie beeindruckenden Inszenierung. Der Herr über diese Enklave einer verstörend sinnlichen, fremdartigen und scheinbar primitiven Welt ist der in die Phantasieuniform des weit gereisten Abenteurers gekleidete Schaubudenbesitzer…(Informationen zur Schaustellung von Menschen aus weit entfernten Erdteilen im Kapitel „Völkerschau“ unter http://www.schaubuden.de/)
Dienstag, 27. Mai 2008
E.T.A.
Interessant sind auch die Aussagen über Wachsfigurenkabinette in „Die Automate“ von 1814. Die Erzählung belegt, dass in Panoptiken schon damals „Mörder“ und „Spitzbuben“ ausgestellt waren und die Etablissements wohl von jeher eine unheimliche Atmosphäre vermittelten.
Ganz besonders war Hoffmann von Automaten eingenommen, weniger allerdings von den „Tändeleien, wie sie wohl öfters auf Messen und Jahrmärkten gezeigt werden“ (Die Automate), als vielmehr von den erstaunlichen Kunstwerken großer Mechaniker.
Das Automatenthema taucht immer wieder auf, u.a. natürlich im Sandmann. In dieser faszinierenden wie beklemmenden Erzählung geht es um die „Liebe“ des Studenten Nathanael zur „Automatin“ Olimpia.
Die künstlichen Menschen bei E.T.A. Hoffmann waren und sind ein beliebtes Thema für literaturwissenschaftliche Abhandlungen, u.a. auch von Autoren mit marxistischen Ansatzpunkten. (exemplarisch Lienhard Wawrzyn: Der Automaten-Mensch. E.T.A. Hoffmanns Erzählung vom Sandmann. Berlin 1985) Zum Teil scheinen mir solcherlei Interpretationen trotz dogmatischer Herangehensweisen nicht ganz abwegig. Der Automatenmensch ist der „bürgerliche“, „entfremdete“, eben „künstliche“ Mensch mit einem eingeschränkten Verständnis von „Wirklichkeit“ bzw. einer beschränkten Sicht auf die Welt:
„Ach diese zauberhaften Entzauberer, diese liebenswerten Entwerter der Liebe, sie sind ja Gespenster, und doch Alltagswesen, langbeinig und mit Wimpernprothesen, und selbstverständlich physisch vollkommen, und selbstverständlich aufgeklärt.- Noch keine Berufsfeministinnen, das macht den Vorzug wie auch den Nachteil ihres Charmes. Sie sind Erzeuger der Sehnsucht nach etwas, das sie ihrem Wesen nach nicht sind, auch darin repräsentieren sie (…) einen Zug nicht nur des Bürgertums. – Idealinkarnationen der praktischen Vernunft, aber denkt man sie zu Ende, heißt ihre Königin Olimpia. – Die Gesellschaft der Programmierten. – Doch nicht die Automatin ist das Schauerliche, sondern dass sich einer bis zum Wahnsinn in sie verliebt.
Freilich: Er braucht dazu eine besondere Brille.“
(Franz Fühmann: Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E.T.A. Hoffmann. München 1984, S.104)
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Freitag, 23. Mai 2008
Pardauz!
Obwohl sie sehr einfach gestaltet sind, zählen die über 100 Jahre alten Ankündigungszettel reisender Marionettentheater zu den interessantesten Stücken meiner kleinen Sammlung.
Im 19. Jahrhundert boten zahlreiche Marionettenspieler vor allem einem ländlichen Publikum Abwechslung im oftmals eintönigen Alltag. Gespielt wurde vornehmlich in Gasthaussälen.
Star des Ensembles war stets die triebbestimmte, verfressene, teils anarchistische Gestalt des Kaspers, eine durchaus widersprüchliche Figur, die gleichermaßen kindlich-naiv und gerissenen sowie furchtlos und feige sein konnte – eine Identifikationsfigur des Publikums eben.
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| Ausschnitt eines Zettel von Max Dreyßigs Marionettentheater; Sammlung Nagel |
„Kasper wird als Räuber den geehrten Theaterfreunden einen heiteren und fröhlichen Abend bereiten.“
Selbstverständlich spielte er auch im sehr verbreiteten Ritterschauspiel „Genoveva, die Pfalzgräfin vom Rhein oder Sieben Jahre unschuldig verstoßen in der Wildnis“ eine tragende Rolle:
„Da war unter den Dienern auf der Burg einer im gelben Nankinganzug, der hieß Kasperl. Wenn dieser Bursche nicht lebendig war, so war noch niemals etwas lebendig gewesen; er machte die ungeheuersten Witze, so dass der ganze Saal vor Lachen bebte; (…).“
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| Sammlung Nagel |
„Ein hochgewölbtes gotisches Zimmer zeigte sich. Vor einem aufgeschlagenen Folianten saß im langen schwarzen Talar der Doktor Faust und klagte bitter, dass ihm all seine Gelehrsamkeit so wenig einbringe; keinen heilen Rock habe er mehr am Leibe und vor Schulden wisse er sich nicht zu lassen; so wolle er denn jetzo mit der Hölle sich verbinden. – ‚Wer ruft nach mir?’ ertönte zu seiner Linken eine furchtbare Stimme von der Wölbung des Gemaches herab. ‚Faust, Faust, folge nicht!’ kam eine andere, feine Stimme von der Rechten. – Aber Faust verschwor sich den höllischen Gewalten. – ‚Weh, weh deiner armen Seele!’ Wie ein seufzender Windeshauch klang es von der Stimme des Engels; von der Linken schallte eine gellende Lache durchs Gemach. – Da klopfte es an die Tür. ‚Verzeihung, Euere Magnifizenz!’ Fausts Famulus Wagner war eingetreten. Er bat, ihm für die grobe Hausarbeit die Annahme eines Gehilfen zu gestatten, damit er sich besser aufs Studieren legen könne. ‚Es hat sich’, sagte er, ‚ein junger Mann bei mir gemeldet, welcher Kasperl heißt und gar fürtreffliche Qualitäten zu besitzen scheint.’ – Faust nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte: ‚Sehr wohl, lieber Wagner, diese Bitte sei euch gewährt.’ (…) ‚Pardauz!’ rief es; und da war er. Mit einem Satz kam er auf die Bühne gesprungen, dass ihm das Felleisen auf dem Buckel hüpfte.“
Am Ende des Stückes, bevor Gretel und Kasper den traditionellen Kehraus tanzen, wird Faust unter Feuerregen und Donnergrollen von Teufeln in die Höhle gezehrt. In diesem letzten Aufzug hat Kasper eine neue Rolle:
„Endlich ist die Frist verstrichen. Faust und Kasper sind beide wieder in ihrer Vaterstadt. Kasper ist Nachtwächter geworden; er geht durch die dunklen Straßen und ruft die Stunden ab:
‚Hört ihr Herrn, und lasst euch sagen,
Meine Frau hat mich geschlagen;
Hüt’t euch vor dem Weiberrock!
Zwölf ist der Klock! Zwölf ist der Klock!’
Von fern hört man die Glocke Mitternacht schlagen. Da wankt Faust auf die Bühne; er versucht zu beten, aber nur Heulen und Zähneklappern tönt aus seinem Halse. Von oben ruft eine Donnerstimme:
‚Fauste, Fauste, in aeternum damnatus es!’“
Die verbliebenen reisenden Marionettentheater präsentieren fast ausschließlich nur noch Märchenstücke für Kinder, wobei allerdings die Figur des Kaspers in altbewährter Manier eingebunden wird. Einige Puppenspieler der verbreiteten Sperlich-Sippe zeigen noch solches Puppentheater, zum Teil sehr gut gespielt. Die besten Aufführungen erlebte ich 1990 im Zelt-Marionettentheater von Siegfried Pandel, der im Anschluss an das Hauptstück wie alle besseren Spieler noch Varieté- oder Kunstmarionetten zeigte, die eine besondere Kunstfertigkeit des Puppenspielers verlangen.
Die alten Stücke sind allenfalls noch auf Kulturveranstaltungen und Festivals zu sehen. Besondere Verdienste hat sich hier das Traditionelle Marionettentheater Dombrowsky erworben (http://www.dombrowsky-marionetten.de/). Nachfahren der alten Marionettenspielerfamilie Bille zeigen zumindest noch den Faust (http://www.marionettentheater-bille.de/).
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