Bild- sowie direkte und indirekte Textzitate nur unter genauer Quellenangabe! Stefan Nagel: www.schaubuden.blogspot.de
Freitag, 17. September 2010
Mittwoch, 25. August 2010
Daumenkinographie
![]() |
| Bildquelle: www.daumenkinographie.de |
Die Zeiten, als Guckkastenmänner durch die Lande zogen, um den einfachen Leuten für kleines Geld durch die Linsen ihrer Kästen Einblicke in die Welt jenseits ihres bilderarmen, begrenzten Lebensraumes zu gewähren, sind lange vorbei.
Der Künstler Volker Gerling jedoch reist auch heute zu Fuß durch die Lande, um den Menschen "am Straßenrand und über den Gartenzaun", auf "Dorffesten und Märkten" sowie in Kneipen seine Bilder auf einem Bauchladen mit der Beschriftung "Besuchen Sie meine Wanderausstellung" zu präsentieren. Von dem "symbolischen Austritt", den die "Besucher der Ausstellung" in ein untergeschraubtes Honigglas werfen können, bestreitet er seinen Lebensunterhalt während der langen Wanderschaften durch Deutschland.
Seine Kunstwerke scheinen auf den ersten Blick wenig spektakulär: Volker Gerling fotografiert Gesichter. Er belichtet einen ganzen 36er Kleinbildfilm mit einer Motorkamera - 12 Sekunden, die erstaunlich viel über die so portraitierte Person erzählen, indem Gerling die entwickelten Bilder eines Films als faszinierendes Daumenkino präsentiert.
Auf seiner interessanten Homepage www.daumenkinographie.de ist mehr über das Konzept der "Daumenkinographie" zu erfahren - und auch Termine seiner überaus unterhaltsamen Vorträge.
..
Sonntag, 8. August 2010
Sie laufen und laufen und laufen ...
| Indian-Scout vor der Steilwand von Blume (Foto: Nagel) |
Samstag, 8. Mai 2010
"Gott erhalte ihn über die sachlichen Zeiten"
Der wunderbare Text "Die Südsee in Jahrmarkt und Zirkus" in "Das Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch war einer der wesentlichen Anstöße zu näheren Beschäftigung mit dem Budenzauber auf den Jahrmärkten vergangener Zeiten. Ein Zitat hieraus bildet seit der ersten veröffentlichten Version den Anfang von www.schaubuden.de.
Auch in seinem Aufsatz "Mannheim. Aus freundlicher Erinnerung" von 1931 weiß Bloch die einmalige Magie der Jahrmarktsschaustellungen in ihrer ganzen Vielfalt in besonderer Weise zu schildern - wobei er die deutlichen Anzeichen für ihr Verklingen nicht übersah:
"(...) Sechs Budenreihen sind auf dem langen Platz aufgestellt, sie zeigen, wie groß die Welt ist. Hier steht eine Bude als Schiffsrumpf und hat die Schrecken des Orinoko in sich, die Muschel heulen zum Orchestrion und Meerweibchen klirren mit ihren Ketten. Dort sind `Seltene Menschen und ihre Kunst`: ein Cowboy wirft seine Dame vom Kopf bis zu den Füßen mit Messern ein, Hermaphroditen singen, ägyptische Goldweiber leuchten, lebende Aquarien verschlucken Frösche und speien sie zappelnd wieder aus. Am Schluß zappelt die Bühne selber von Menschen, aus denen ein Magier Hypnose gemacht hat; er sagt auch: wie die alten Brahmanen und Ägypter in ihren `Tempeln und Extrahallen`. Afrika und Asien sind vor Anker gefahren, doch ebenso sind wir die Wilden, zu denen Europa kommt. Ein etwas ordinärer Bilderbogen breitet sich da aus, gewiß, doch allein schon seine süddeutsche Fülle unterscheidet ihn vom einfallslosen preußischen Rummelplatz, dem ebendeshalb früh mechanisierbaren. Statt dessen war der Mannheimer Jahrmarkt noch ein Stück Barock des kleinen Mannes, `Curiöses`versammelnd, samt dem wahrsagenden Bären des Zauberers Salandrini und der nie geheuren Wachsfigur. Noch viel mehr Kolportage gab der Mannheimer Jahrmarkt her, Gott erhalte ihn über die sachlichen Zeiten.
(...)" (Bd. 9 der Gesamtausgabe, Frankfurt/M. 1965, S.405f)
.
Freitag, 26. Februar 2010
Auf dem fliegenden Teppich des Außergewöhnlichen zu den Banalitäten der Welt
"Es war nur für einen Tag: Ich half beim Zeltaufbau für das Monstrositätenkabinett. Die Zirkuswelt - vor allem die Schaubuden - hatte mich schon immer begeistert, und ich ar fasziniert von den außergewöhnlichen Körpern, die die Natur vor allem in den geheimnisvollsten und ungezähmtesten Teilen der Erde hervorbringt: Gummimenschen aus Borneo, Kongobewohner, halb Mensch, halb Krokodil, Spitzköpfe aus Siam - oder Sealo, der Seehundjunge aus der Arktis. Auf den Plakaten wirkten sie exotisch, sexy und erschreckend, und an jenem Tag blickte ich erstmals hinter die Kulissen. Dort herrschte keinerlei Magie, alles war höchst profan - nach dem Aufstellen des Zeltes konnte ich durchs Lager streifen, bevor die Zuschauer kamen, und die seltsamen Gestalten treffen, die sich als Freaks ihr Geld verdienten. Zwar sahen sie nicht normal aus, aber sie verhielten sich zu meiner Enttäuschung völlig langweilig, spielten Karten, wuschen ihre Wäsche, rauchten, schimpften über das Wetter - genau wie die normalen Leute, mit denen ich tagtäglich zu tun hatte. Sie waren überhaupt nicht wie die faszinierenden, bizarren, magischen Monster auf den Plakaten. Ich war verwirrt - ich sehnte mich verzweifelt nach Exotik, war aber auch erleichtert, dass Menschsein und Normalität wohl doch die Welt regierten. Seitdem bin ich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, auf dem fliegenden Teppich des Außergewöhnlichen aufzusteigen und ihn gleichzeitig zu entmystifizieren und in die banale Welt zurückzuholen."(Terry Gilliam in Python über Python. Die Autobiografie von Monty Python. Dt. Köln 2004, S.60f)
![]() |
| Detail einer alten Postkarte, Sammlung Nagel |
Samstag, 21. November 2009
Neu auf schaubuden.de
![]() |
| Schaubude aus einem Schuhkarton, Heike Sprung 2001 |
Donnerstag, 5. November 2009
Hauen und stechen
Darüber hinaus wurde auf den Jahrmärkten lange Zeit auch gefochten:
![]() |
| Le Parade de Boulevard de Sailnt-Aubin (1760) |
Gemälde von Gabriel Jacques de Saint-Aubin aus der Londoner Nationalgalerie in: Daheim.
Ein deutsches Familienblatt. 48. J.g. Nr.11, 16. Dezember 1911, S.21
Sonntag, 25. Oktober 2009
Mit Pauken und Trompeten
![]() |
| Illustration in einer französischen Zeitschrift aus dem Jahr 1884, Sammlung Nagel |
Größere Schaustellungen führten kleine Ensembles mit. Die Musiker kamen vor allem aus Böhmen und der Pfalz - sehr häufig aus der Gegend um das Dorf Mackenbach, so dass bei Schaustellern und Circussen engagierte Musiker im Jargon der Reisenden "Mackenbacher" genannt wurden. Es war aber auch durchaus üblich, Musiker vor Ort für die Dauer des Jahrmarkts zu engagieren. Die Kapellen spielten bei der Parade auf und begleiteten die Vorstellungen von Liliputanershows, Zauberern und Jahrmarktvarietés oder -circussen.
Letztendlich waren die zahlreichen lautstarken Jahrmarktsorgeln, die ganze Orchester imitieren konnten, eine Möglichkeit das Publikum anzulocken. Diese Orgeln bildeten mit ihrem überbordenden Jahrmarktsbarock und den beweglichen Figuren zudem einen ansprechenden Blickfang und wurden deshalb stets an exponierter Stelle im Fassadenbereich aufgestellt. Besonders Kinematographen und Panoptiken verfügten häufig über besonders eindrucksvolle Orgeln. Als Zentrum des Orgelbaus erlangte Waldkirch im Breisgau große Bekanntheit. Viele der dort vor allem von den Firmen Ruth und Bruder produzierten Jahrmarktsorgeln sind seit Generationen im Besitz alter Schaustellerfamilien und bilden nostalgische Schmuckstücke im hektischen Treiben auf dem Rummel unserer Tage.
Daneben präsentieren einige Sammler und Museen die alten Schätzchen im tadellosen und oftmals funktionstüchtigen Zustand. Die nachfolgend abgebildete Ruth-Orgel aus dem Besitz von Ruud Vader ist das Exemplar, welches auf dem Foto einer Liliputanerbude vom Anfang des 20. Jahrhunderts zu sehen ist. Sie wurde 1907 ausgeliefert und beschallte später eine Krinoline sowie ein kleines Riesenrad, eine sog. "Russische Schaukel".

(Die Informationen zur Geschichte der Orgel sowie das Farbfoto stammen von Ruud Vader, die alte Abbildung ist aus meiner Sammlung.)
.
Sonntag, 20. September 2009
Walburga
Die Nummer 5 meiner Sideshow-Banner ist eine "Riesen- oder Kolossaldame" mit dem passenden Namen "Walburga". Nähere Informationen zur Schaustellung besonders übergewichtiger Menschen finden sich im Kapitel "Abnormitäten" bei www.schaubuden.de.
Samstag, 29. August 2009
Allerlei Mittel für glänzendes Falschgeld, geschmeidige Fürze und den verderbten Magen
![]() |
| Es ist gut möglich, dass auch dieser Zauberer am Schluss der Vorstellung den Dorfbewohnern ein Mittel gegen diverse Unpässlichkeiten offerierte. (Holzstich, Sammlung Nagel) |
![]() |
| Abbildung in einer französischen Zeitschrift der 2. Hälfte des 19. Jh., Slg. Nagel |
![]() |
| Werbung für das "Nerven-Nährpräparat Nervosin", frühe 20er Jahre |
Mittwoch, 29. Juli 2009
Von einem der auszog ...
| Heimbügers Grab auf Münsters Zentralfriedhof |
* Alexander Heimbürger: Ein moderner Zauberer. Erster Band. Münster 1882, S.263ff
Donnerstag, 18. Juni 2009
kopflos
Mein vierter Aushang im Stil plakativer amerikanischer Sideshow-Banner hat einen weiteren Schaubuden-Klassiker zum Thema, die Frau ohne Kopf.
![]() |
| Sammlung Nagel |
Dienstag, 25. November 2008
"Zum Schluss ist die Somnambule zu sprechen"

Das „Cabinet des Dr. Caligari“ im gleichnamigen Stummfilm-Klassiker von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 ist eine Schaubude, in dem der vermeintlich weissagende „Somnambule“ Cesare auftritt.
Montag, 10. November 2008
Valentins Weltwunder
![]() |
| Valentins "Okroberfest-Schaubude". München, Kabarett Charivari 1920 Die Flöte spielt Bertolt Brecht, Karl Valentin die Tuba. Die "Rekommandeuse" an der Glocke ist Liesl Karlstadt. |
"Das Attraktionsprogramm mit Fräulein Lilly Wiesi Wiesi; das größte Weib, das je in Europa gezeigt wurde. Die Dame ist 2-3 m groß und wiegt 280 Pfund. (...) Um ihre Größe beizubehalten, isst die Dame nur längliche Speisen, wie Stangenspargel, Makkaroni, Rhabarber und Salzstangerln. Getränke muss sie sprudelnd heiß trinken, da die im Munde eingenommenen heißen Flüßigkeiten infolge der langen Speiseröhre meistens eiskalt in den Magen kommen und zu einer Magenerkältung führen könnten. (...)"
Samstag, 1. November 2008
Rheinisches Panoptikum Kommern
Montag, 29. September 2008
Affiger Gruß

Der Schausteller Traugott Petter (1907 – 1980) reiste bereits Ende der 20er Jahre mit einer Schaubude, in der er typische Attraktionen wie Riesen, Liliputaner und eine 560 Pfund schwere Kolossaldame präsentierte.
Berühmt wurde er in den 30ern mit seiner Aufsehen erregenden Schimpansenschau. Die besonderen Leistungen seiner Tiere auf der Bühne hingen sicherlich nicht zuletzt mit dem innigen Verhältnis Petters zu seinen Tieren und ihren besonderen Haltungsbedingungen zusammen: Die Tiere lebten mit der Familie zusammen im Wohnwagen und wurden nach Aussage der Kinder noch fürsorglicher behandelt als diese.
Diese tierische Parodie erregte natürlich das Missfallen der Nazis, und Petter wurde unter Androhung der „Abschlachtung“ seiner Tiere aufgefordert, ihnen den Trick wieder abzutrainieren. Der Schausteller gehorchte, trotzdem blieb die Geschichte für ihn nicht folgenlos: Er wurde an die Ostfront geschickt und seine Affen gingen vermutlich aus Trennungsschmerz einer nach dem anderen ein…
Samstag, 23. August 2008
Zille und die Piktusse
Die bescheidenen Rummelplätze am Stadtrand gehörten zu den wenigen Stätten des Vergnügens für das Berliner Proletariat in den Jahrzehnten um die vorletzte Jahrhundertwende. Hier war ein wenig Abwechslung vom tristen Alltag in den Fabriken, Mietskasernen und Hinterhöfen zu finden. Insbesondere die Schaubuden ermöglichten Einblicke in eine Welt außerhalb dieser Tristesse, eine Welt voller Exotik und Wunder.
Dabei ging es auf diesen kleinen staubigen Rummelplätzen kaum weniger bescheiden zu. Die Verdienstmöglichkeiten der Schausteller waren so gering wie die Ansprüche des einfachen Volkes im Hinblick auf Zerstreuung. Dessen Zugänglichkeit für vergleichsweise anspruchslose Attraktionen in den Singspiel-Hallen, „Spezialitätentheatern“ und Schaustellungen mutet naiv an. Im Vergleich zur alltäglichen Eintönigkeit aber hatten die lautstark beworbenen „Weltsensationen“ tatsächlich Unterhaltungswert.
Es verwundert nicht, dass dieses Treiben auf Heinrich Zille eine besondere Faszination ausübte. Er zeichnete im wahren Wortsinn ein ungeschminktes Bild des Berliner Rummels vor und hinter den Kulissen – humorvoll und in seiner eigenen Art immer auch mehr oder weniger sarkastisch.

Auf dem Rummel
"Wat schubberst de denn uff de Lola rum. -"
"Na heite als Engel mit det weiße Triko -
da scheint ja allens durch!"

Der Feuerfresser
"Ein Hundeleben! Seit drei Tagen habe ich
noch nichts Warmes in den Mund gebracht."
Einige der Schaubuden sind sogenannte „Piktusse“, kleinere Schaustellungen mit sehr bescheidenen Darbietungen, bei denen die Diskrepanz zwischen den Ankündigungen und dem tatsächlich Gebotenen besonders groß war. Nicht selten wurde das Publikum hier regelrecht „über den Tisch gezogen“, was dazu führen konnte, dass den Betreibern die Spielerlaubnis entzogen wurde.
So ein „Piktus“ war bisweilen nur Herren zugänglich. Offenherzig bekleidete Damen, mehr oder wenig offene Andeutungen des Rekommandeurs sowie „eindeutig zweideutige“ Abbildungen im Frontbereich ließen erotische Darbietungen oder gar Dienstleistungen erwarten, die i.d.R. nicht geboten wurden. Stattdessen bekam der Besucher Belanglosigkeiten zu sehen. Wollte er mehr, musste er Sonderzahlungen für sogenannte „Extrakabinette“ zahlen, die jedoch wiederum nicht das Erhoffte boten…
Bei den "Rosen aus dem Süden" handelt es sich wahrscheinlich um solch einen Piktus. Auf dem unteren Foto ist die Schaubude von "Fräulein Pauline", der "stärksten weiblichen Athletin und Kanonen-Königin der Gegenwart" zu sehen - "ohne Konkurrenz" und "lebend"..
Abbildungen:
Heinrich Zille: Rund um's Freibad. Berlin 1926 (oben)
Friedrich Luft: Mein Photo-Milljöh. Hannover 1967 (unten)
....
Sonntag, 10. August 2008
Tauma
Auch mein dritter Schaubudenaushang im Stil amerikanischer Sideshow-Banner wurde von einem bekannten Renaissancegemälde inspiriert.
Tauma war eine gängige Bezeichnung für die Illusion einer lebenden Dame ohne Unterkörper, allerdings befand sie sich meistens frei schwebend auf einer Schaukel. Die recht einfache Illusion fand oft in einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Kabinett statt, so dass die schwarze Hose der Dame unsichtbar war.
In der hier dargestellten Version hieß sie häufiger Fatima und war in der Regel eine Spiegelillusion.
Zur Mona Lisa passt Tauma aber ein wenig besser, finde ich.

.Die
Rechts die eigentliche "Tauma" auf einer Schaukel in einem schwarzen Kabinett "schwebend". (Sammlung Nagel)
Montag, 7. Juli 2008
Kopf ab!
Freitag, 27. Juni 2008
Schmierentheater
Der Vorhang fällt"
"Kuno von Schroffenstein: Weh mir! Ich bin verloren! Schon dringt an mein Ohr das furchtbare Schwerterklirren des feindlichen Heeres!" Die Abbildung und der dazugehörige Text stammen aus dem Jahr 1862. Sie sind in dem wunderbaren Buch "Der Komödiantenkarren kommt. Von den Wandertheatern in Böhmen" von Lilian Schacherl enthalten. (Kempten 1967) Lilian Schacherl vermittelt kenntnisreich, ungeschminkt und sehr originell viel Wissenswertes über die reisenden "Schmierenkomödianten" vom 17. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert. Vor allem aber klingt immer wieder etwas vom Geist des "Striese-Monologs" durch die Abhandlung, die somit auch viel von der besonderen Atmosphäre der einfachen Wandertheater vergangener Zeiten vermittelt.
Diese Theater zeigten Volks- bzw. "Rührstücke", Komödien, in die, ähnlich wie beim Marionettentheater, häufig eine komische Figur eingebunden war, sowie auch Werke bekannter Dramatiker. Sehr beliebt waren z.B. Schillers "Räuber" - auch wenn die Inszenierungen solch personalintensiver Vorlagen den kleinen Truppen einiges an Improvisationstalent abverlangten. Überhaupt nahm man es i.d.R. mit der Werktreue nicht so genau: "Da das Stück mit einem Worte zu lang und natürlich kaum auszuhalten ist, so wird heute alles das, was nicht unumgänglich zum Ganzen der Geschichte gehört, wegbleiben; man versichert zugleich, daß alles so eingerichtet ist, damit es sich zuverläßig bis gegen 9 Uhr endigt, ohne daß die Zuschauer etwas an Unterhaltung verlieren werden." (Theaterzettel der Vinzenischen Gesellschaft aus dem Jahr 1784, in Ruth Eder: Theaterzettel, Dortmund 1980, S.79)
Eine Quelle aus erster Hand stellt die höchst aufschlusssreiche Autobiographie von Alfons Bolz-Feigl "Erlebnisse eines Schmierenkomödianten" (Wien 1913) dar. Bolz-Feigl schildert zahlreiche interessante Anekdoten aus der Welt der "Schmiere, vor allem aber auch das harte Leben ihrer Schauspieler am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, womit er sich nicht zuletzt gegen allzu humoristische, klischeehafte oder romantisierende Darstellungen in zeitgenössischen Publikationen stellte.
Ein Beispiel geben nachfolgende Zeilen samt zugehöriger Abbildung einer Ausgabe der "Fliegenden Blätter" vom Januar 1896:
"(...)
Da kommen sie her. An der Spitze des Karrens
In scheck'gem Habit kurzweil'gen Hansnarrens,
Den klappernden Klepper an hanfener Strippe,
Ein Lächeln voll Würde auf spöttelnder Lippe,
Im Auge des Stolzes vernichtenden Strahl,
Der hohe Gebieter, ihr Prinzipal.
Zusammengekauert zu seinen Füßen,
Rechts blickend, links nickend mit Handkuß und Grüßen,
Im Schooße ihr Jüngstes, das bildsauber nette,
Die fesche, beliebte, adrette Soubrette.
Den Hut bis zur Braue, dicht neben der Dirne,
Hohläugig, bleichwangig, mit furchiger Stirne,
Ganz hager und mager, kein Haar auf dem Scheitel,
Verbissen, verbittert und doch maßlos eitel,
Als schärfster der Spieler berühmt und bekannt,
In ewigem Weltschmerz: der Intregant.
Doch zuckersüß lächelnd, so schmachtend , so schielend,
Kokett mit dem Fächer von Flitterstoff spielend,
Im fränkischen Reifrock, mit schmächtiger Taille,
Die Lippen wie Kirschen, die Zähne Emaile,
Geschminkt und gepudert, ein Grübchen im Kinn,
Der Stern der Gesellschaft, die Liebhaberin.
Der Held noch, massiv, wie aus Mamor gehauen,
Starkknochig, grobmusklig, ein Günstling der Frauen;
(...)
Und unsagbar rührend von Schuld und von Sühne,
Von flammender Leidenschaft sendenden Gluthen,
Von Neides und Hasses verzehrenden Wuthen,
Von seligster Liebe und brennendem Leide,
Der gaffenden Menge zur Seelenweide,
Wird munter und frisch und höchst ungenirt
Tantièmenfrei aus dem Stegreif tragirt.
Kein Autor, Verleger und keine Agenten,
Nicht Mißgunst scheelsüchtiger Zeitungsskribenten
Verbittert dem armen Director das Leben. (...)"
![]() |
| Kopf eines Theaterzettels von 1878, Sammlung Nagel |















