Sonntag, 27. November 2016

Unter dem Sternenhimmel


„Die riesige Werbetrommel und ein verheißungsvoller Umzug haben viele Ortsbewohner gelockt zu dem nächtlichen Schauspiel. Hell überstrahlen Lampen die Arena, auf der die Artisten ihre Künste zeigen (…). Inzwischen aber gehen spielfreie Darsteller mit dem Teller kassieren. Locker lieht ja das Geld in der Tasche, solange Herz und Sinne gefangen sind.“ (Aus einer Illustrierten des Jahres 1929, Sammlung Nagel)

Über viele Jahrhunderte produzierten sich das Gros der fahrenden Artisten "publik", d.h. unter freiem Himmel. Der Seiltanz stand oftmals im Mittelpunkt der Darbietungen, demzufolge hielt sich lange Zeit die verallgemeinernde Bezeichnung "Seiltänzergesellschaft" für publik spielende Akrobatentruppen.

Ein zeitgenössischer Bericht samt Holzstich beschreibt das Auftreten einer kleinen „Seiltänzergesellschaft“:
(…), bis ich eines Abends in einem böhmischen Städtchen eine herumziehende Seiltänzergesellschaft traf. Ich mischte mich (…) unter das sehr gemischte Publikum von Schulkindern, welche andächtig schauten, von Mädchen und Weibern, welche entzückt, und von wetterharten Männern, welche kritisch schauten. Die Truppe war so zigeunerhaft und primitiv, als man sie nur wünschen konnte (…). Da war der Herkules mit den Katzenfellbördüren um die Schürstiefelchen, der Tellerdreher mit dem klassischen „Stirnband“ um die ziemlich dünnen Haare, die „starke Frau“, der man einen Amboß auf dem Leibe zerschlug, die zahnlückige, hexenhafte Direktorin, welche abwechselnd die Drehorgel handhaben und das eingesammelte Geld in ein altes Cigarrenkistchen versenken musste, das halbgewachsene, ungraziöse, magere, sonnenverbrannte junge Ding, welches mit ängstlichem Gesichte in vertretenen Seidenschuhen die Drahtseilarbeit in deren erstem Kursus produzierte, und der böhmische Bajazzo (…) welcher krähte, sich Ohrfeigen „mit der Zunge“ geben ließ, auf dem Kopfe stand, Federn balancirte.“ (Illustrirte Welt 1892)


Sammlung Nagel


Bei den meisten solcher „Seiltänzergesellschaften" handelte es sich um Familienverbände mit bescheidenem Einkommen, die sich zwischenzeitlich, z.B. für die Dauer eines größeren Jahrmarkts, zusammenschlossen um konkurrenzfähige Programme bieten zu können.
Berühmt und erfolgreich wurden nur wenige reisende Akrobaten, zumeist Kraftathleten oder Hochseilartisten wie Wilhelm Kolter.
Die Umzäumung des Vorstellungsbereiches ermöglichte es, Eintrittsgelder zu nehmen – auch wenn während der Vorstellung weiterhin um das ein oder andere zusätzliche „Benefiz“ gebeten wurde.
Einige solcher Arenen vergrößerten sich. Oftmals wurde die Auftrittsfläche erhöht, ein Apparat für Luftnummern neben den Masten des Hochseils installiert, die Zuschauerränge ausgebaut und um den Ort des Geschehens zog man mannshohe Leinwandbahnen als Blickschutz.

Sammlung Nagel

Der folgerichtige nächste Schritt war die Anschaffung eines Chapiteaus. Solche Arenen von „Seiltänzergesellschaften“ bildeten somit neben Kunstreitertruppen und Menagerien einen dritten bedeutenden Ausgangspunkt für die Entwicklung von Circussen. Alle traditionellen Unternehmen der Schweiz, ob Gasser, Knie, Nock oder Stey, haben z.B. hier ihre Wurzeln. 


Viele kleine Circusse reisten jedoch bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts als Arena, die Anschaffung eines Chapiteaus und damit die Verwandlung der Arena in einen "richtigen" Circus blieb für viele lange Zeit ein Wunschtraum.
"Auf dem leeren Bauplatz, unter den Fenstern der Vorstadtmietskaserne, hatten sich Kunstreiter eingefunden. (...) Die Gesellschaft war in zwei wackligen Wohnwagen untergebracht. Der Aufzug war äußerst jämmerlich, die Vorstellungen weniger jämmerlich. Es wurde ehrliche Arbeit geleistet. Nagelneues Programm natürlich. Der Circus Flunkert durfte, ohne unbescheiden zu sein, von sich rühmen, dass er bereit sei, mit Renz und Busch, ja selbst mit dem großen Barnum furchtlos in die Schranke zu treten. (...) In zwei Kreisen hatte man Bretterbänke um die Arena herumgeführt, zwischen ihnen und einer umgebenden Schnur war Raum für die Stehplätze." (Gerhart Hauptmann: Wanda, 1927)

Illustration von Albert Weisgerber in einer Ausgabe der "Jugend" von 1910 (Sammlung Nagel)

Die meisten dieser von "Komödianten" betriebenen Arenen präsentierten sich über viele Jahrzehnte hinweg in recht ähnlicher Weise: Zwischen zwei Circuswagen war der Artisteneingang aufgebaut, um die einfache Manege standen Holzbänke, dahinter waren die Stehplätze. Auch die zumeist eher bescheidenen Programme unterschieden sich in der Regel kaum. Es gab triviale Clownerien, Parterreakrobatik, Seiltanz, Ziegen- und Hundedressuren, den „Klugen Hans“ und weitere Pferdedarbietungen, wobei häufig Äffchen als Reiter fungierten. Für weitere tierische Exotik sorgten das obligatorische Trampeltier sowie der Braunbär, den die Familien oft mit sich führten. Einige dieser Freiluftcircusse verfügten zudem über einfache Vorrichtungen für Trapezdarbietungen. Hochseilapparate kennzeichneten eher größere Arenen. Die musikalische Untermalung besorgten jeweils Familienmitglieder mit Pauke, Trompete und bisweilen einer Drehorgel. Auch Jahrmarktsorgeln kamen mitunter zum Einsatz.


Samstag, 19. November 2016

Kinderarbeit


"Die kleine Kunstreiterin", kolorierter Holzstich von 1885 (Sammlung Nagel)


"Pagliaß bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten, worüber die Zuschauer immer zu lachen pflegen, zur Aufmerksamkeit und guten Laune vor. Einige Kinder, deren Körper die seltsamsten Verrenkungen darstellten, erregten bald Verwunderung, bald Grausen, und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens nicht enthalten, als er das Kind, an dem er beim ersten Anblicke teilgenommen, mit einiger Mühe die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah."
(Goethe, Wilhelm Meister)


Souvenirkarte 1903, Sammlung Nagel

Artistische Darbietungen von Kindern sind bis in die Gegenwart fester Bestandteil der Programme von Familiencircussen. In diesen von alten "Komödianten"-Sippen betriebenen Kleincircussen bestehen anachronistisch anmutende Formen des sozialen Miteinanders fort, in deren Mittelpunkt die Familie steht. Vor dem Hintergrund des Ineinandergreifens von Familie und Erwerbstätigkeit bzw. Lebens- und Arbeitswelt muss auch das stark spielerisch geprägte und selbstverständliche Hineinwachsen der Kinder in ihre spezifische Lebenswelt bewertet werden: Circuskinder, die in der Regel zu ausgesprochen starken, familienorientierten Persönlichkeiten heranwachsen, leisten eben keine fremdbestimmte "Kinderarbeit".  


Souvenirkarte des "Specialitäten-Theaters Mehlich" -
einer Schaubude mit artistischem Programm

Dieser selbstverständliche Einbezug von Kindern in die Programme fahrender Artisten schließt sich nahtlos an die gängige Praxis früherer Zeiten an. Ob Schaubude, Arena, Bankisten, Kunstreiter- oder Seiltänzergesellschaft: Immer wurden die zumeist zahlreichen Kinder schon früh in die Vorstellungen einbezogen. Dabei ging es nicht nur darum, die Programme der zumeist in Familienverbänden reisenden Truppen zu strecken: Die artistischen Fähigkeiten der kleinen Künstler stellten oftmals gerade angesichts ihrer besonders hervorgehobenen und nicht immer ganz exakt angegebenen jungen Jahre eine Attraktion dar.
Reichten die Einnahmen nicht, um alle Mäuler zu stopfen, wurden Kinder zu anderen Gesellschaften "in die Lehre" gegeben, um dort eine zu damaligen Zeiten nicht nur im Artistenmilieu harte Ausbildung zu absolvieren und das Repertoire zu erweitern.

Die sizilianische Seiltänzerin (Friedrich Hebbel)


       Süßes, reizendes Mädchen! Du tanzest drinnen, doch draußen
    Schlägst du die Becken zuvor, daß sich die Bude dir füllt.
Rot ist dein Kleid, und es stechen davon die weißen Korallen
    Zierlich ab, die du fein dir um das Hälschen gehängt.
Aber wehe! Du ließest die Schellen zu mächtig ertönen
    Und zerquetschtest dabei leider ein Perlchen der Schnur.
Traurig senkst du das Köpfchen und blickst zur älteren Schwester
    Still hinüber und flehst stumm um ihr Mitleid sie an.
Doch sie lächelt verächtlich, und dreht dir den Rücken und wirft ihr
    Tamburin so in die Luft, daß es, gefangen, zerspringt.
Ärmste, ich kann sie verstehn! Sie hat schon Bessres verloren,
    Und dein kindlicher Schmerz um den zerschmetterten Tand,
Der die Reinheit der Seele, die fleckenloseste, spiegelt,
    Mahnt sie an deinen Besitz, ach! und an ihren Verlust!




Ein anderes - trauriges - Kapitel in der Geschichte des ambulanten Unterhaltungsgewerbes stellt die Schaustellung von Kindern mit einem auffälligen Äußeren dar. Tatsächlich waren unter den "merkwürdigen Naturwundern" von riesenhaftem Wuchs, abnormer Körperbehaarung oder mit körperlichen Missbildungen seit jeher Kinder, die zumeist von geschäftstüchtigen Impresarios bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in Schaubuden und Sälen zur Schau gestellt wurden. 


Faltblatt mit "Erläuterungen", das Besucher der Schau-
stellung erwerben konnten (Sammlung Nagel)

Dienstag, 15. November 2016

Verfallen


Farbdruck eines Bildes von Gustave Courtois in einer Ausgabe von "Figaro Illustré" aus dem Jahr 1894

"Der Wagen trägt eine Menge von wunderlichem Gerät, bunten Lappen, Stricken, Stangen und obenauf schwebt eine große Trommel. Neben dem Wagen geht ein baumlanger, wild aussehender Mann, mehrere Burschen von verschiedenem Alter und ein schlankes, seltsam schönes, wenn auch völlig braunes Mädchen in jugendlicher Kraft und Fülle. Barfuß, nur mit einem dünnen Unterrock bekleidet und einem bis an den Hals schließenden Hemdchen, beide blendend weiß, trägt sie sich voll natürlicher Anmut, zeigt bei jedem ihrer Schritte die herrlichste Gestalt und läßt ihr schwarzes Haar sorglos flattern, den brennenden Blick umherwerfend, als ob Dorf und nebenbei das ganze Land ihr gehörten." (Karl von Holtei: Die Vagabunden)

Es ließe sich trefflich darüber spekulieren, warum "Zigeunerinnen" und Frauen anderer Gruppen des "Fahrenden Volkes" eine so große Faszination auf Männer ausübten. Einerseits mag das in der tatsächlichen "Andersartigkeit" dieser Frauen liegen, deren Auftreten weniger engen Normen unterworfen war als das ihrer Geschlechtsgenossinnen - ganz gleich ob aus dem Bauern- oder Bürgertum oder auch aus dem Adel. Zum anderen wird diese (vermeintliche) Andersartigkeit Phantasien bzw. Projektionen unterdrückter Wünsche angeregt haben - zumal die Fahrenden diesbezüglich durchaus bewusst geschäftsfördernden Publikumsanreize einsetzten und somit die Verbreitung von Klischees noch förderten.

Tatsächlich verfielen immer wieder Männer aller Schichten dem Reiz dieser Frauen - weltbekannt wurde beispielsweise die tragische Liebesgeschichte zwischen der Seiltänzerin Elvira Madigan und einem adligen Offizier - und nicht  selten schlossen sie sich aus Liebe dem "Fahrenden Volk" an.
Das Thema erfuhr zudem zahlreiche künstlerische  Umsetzungen, ob in der Malerei, der Musik (z.B. Bizets "Carmen", Smetanas "Die verkaufte Braut" oder Janaceks "Tagebuch eines Verschollenen"), der Literatur (Hauptmanns "Wanda" zum Beispiel) oder immer wieder im Film.


Samstag, 15. Oktober 2016

Großkunde


Xaver Schichtl um 1914, Sammlung Nagel

Das ureigenste Werbemittel der Schaubuden war seit jeher die Parade, "die Schau vor der Schau". Desweiteren inserierten die Prinzipale in Zeitungen und ließen Werbezettel verteilen oder aufhängen. Ende des 19. Jahrhunderts kam das farbige Plakat auf, dass Schausteller, Artisten und insbesondere Circusdirektoren rasch für sich entdeckten. Die Hamburger Druckerei Friedländer war auf Aufträge dieses Klientels spezialisiert.
Unter den Schaubuden warben vor allem größere Geschäfte mit diesen wirkungsvollen, aber aufwändig zu produzierenden und daher kostspieligen Lithographien. Kleinere Geschäfte setzten allenfalls Lagerplakate mit Darstellungen der gängigen Attraktionen ein, die die Druckereien stets vorrätig, also "auf Lager" hatten.
Die Familie Schichtl mit ihren großen und beliebten Jahrmarktstheatern ließ demgegenüber zahlreiche eigene Plakate bei Friedländer und anderen "lithografischen Anstalten" drucken.
Im Gegensatz zu den Marionettenspielern, die in (Gasthaus-)Sälen abendfüllende Stücke aufführten, zeigten die Schichtl-Theater vornehmlich kleine Szenen mit Kunst- und Verwandlungsmarionetten. Viele der Plakate warben mit Illustrationen dieser Programmpunkte. Das abgebildete Exemplar stellt ein typisches Beispiel hierfür dar. Wenn es auch hinsichtlich des Bildaufbaus, der Farb- und der Schriftgestaltung nicht zu den herausragenden Schichtl-Plakaten zählt, vermittelt es dennoch den besonderen Charme dieser Druckerzeugnisse aus dem Hause Friedländer in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Weitere Originale aus meiner Sammlung finden sich unter www.schaubuden.de auf den Seiten 66, 67, 165, 169 und 170.


Montag, 1. August 2016

Lunapark


Titelillustration von Theo Köves

Nach Vorbildern wie dem Prater in Wien oder dem Tivoli in Kopenhagen entstanden in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg "Lunaparks", großzügig angelegte Vergnügungsparks in den Randbezirken vieler Großstädte mit Tanzlokalen, künstlichen Seen, Restaurants, Theatern, Verkaufsbuden, Geschicklichkeits-, Belustigungs-, aufwändigen Fahr- sowie wenigen Schaugeschäften. Der Lunapark Berlin-Halensee war einer der größten seiner Art in Deutschland. Anfang der 1920er Jahre wurde er unter Mitwirkung des herausragenden Plakatgestalters und Bühnenbildners Josef Fenneker neu gestaltet, und viele Attraktionen erstrahlten zeitweise in Fennekers expressiver, bizarrer Farb- und Formgebung, die auch seine fantastischen Filmplakate für das "Marmorhaus" am anderen Ende des Kurfürstendamms auszeichneten.
Weitere Lunaparks existierten u.a. in Leipzig, Hamburg und Dortmund. Obwohl sie sämtlich nur kurze Zeit existierten und spätestens infolge der Weltwirtschaftskrise schlossen, bildeten die Lunaparks doch eine Zeit lang in vielen Städten Zentren der Vergnügungskultur breiter Schichten.
So richtig "rund" ging's im LUNA-Park dabei erst nach Sonnenuntergang - und nicht von ungefähr widmete das "Herrenmagazin" "Reigen" dem Park am Halensee 1924 eine Art Themenheft.



Lunapark 1924
(Heinz Pringsheim)

Im Lunapark steht die Saison bereits bereits im vollsten Flore,
Die siebenzigste Attraktion eröffnet ihre Tore.
Das Feuerwerk steigt in die Luft in buntesten Ergüssen.
Die Leute kommen angepufft mit Aut- und Autobüssen.
Drum woll'n auch wir ganz wie in frühern Jahren
Im Teufelsrad und auf der Rutschbahn fahren!

Die Lampen glühn, die Nacht ist klar, der Halensee rauscht leise,
Komm, Liebste, in die Lunabar, dort drehn wir uns im Kreise!
Die Jazzband spielt mit klapp und klipp und vielen Kantilenen,
Wir trinken einen Mokkaflipp und sieben blut'ge Tränen,
(...)

Noch einmal schnell die Rutschbahn rauf, die Rutschbahn wieder runter!
Fürwahr, der ganze Lebenslauf wir immer kunterbunter.
Noch staunt man jeder Attraktion mit viel Gefühl entgegen,
Mein liebes Kind, das gibt sich schon, das wird sich wieder legen.
Wie sollt' mir alles das nicht fad erscheinen,
Vergleich ich es mit deinen Märchenbeinen!


Teufelsrad

... und Toboggan waren immer zu finden.


Abbildungen: Sammlung Nagel


Samstag, 9. April 2016

Lumpenproletariat


Cadel 1901

Eugene Cadel zählte zu den großartigen französischen Karikaturisten, die um die vorletzte Jahrhundertwende in Zeitschriften wie "Le Rire", "Le Sourire" oder "Assiette au Beurre" nicht zuletzt oftmals harsche Sozialkritik übten. Zu den Unterschichten, deren Lage sie dabei schonungslos und nicht selten mit bitterer Ironie darstellten, gehörten wie zu allen Zeiten auch Artisten, die sich auf den Straßen und Plätzen der Städte bestenfalls in armseligen Schaubuden oder schäbigen "Spelunken" produzierten. Ähnlich ihrem deutschen Kollegen Heinrich Zille nahmen sich Eugene Cadel und Henri-Gabriel Ibels der umherziehenden Unterhaltungskünstler, den "Saltimbanques", in all ihren Erscheinunsgformen besonders häufig an.
Karl Marx zählte diese "Herumtreiber", die "nie ihren Tagediebcharakter verleugnen" zum "Lumpenproletariat", wobei die heftigen, undifferenzierten Auslassungen des großen Klassentheoretikers letztendlich nur kleinbürgerliche Vorurteile und uralte Ausgrenzungen widerspiegeln, die zum Teil bis heute fortwirken. Zum Lumpenproletariat, "die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème nennen", zählte Marx "neben zerrütteten Lebeherren (...) von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, (...) Gauner, Gaukler, (...), Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Zuhälter, (...), Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker und Bettler."

Cadel 1901

Ferdinand Louis Gottlob 1902

Henry Mirande 1904

Abbildungen: Sammlung Nagel

Sonntag, 31. Januar 2016

Triers Panoptikum



Wenn hinter den Illustrationen Walter Triers in der Regel auch nicht die deutliche Sozialkritik hervorscheint, die die Zeichnungen Heinrich Zilles mit ausmachen, so verbindet die beiden nicht zuletzt ein herzenswarmer und humorvoller Blick auf die Menschen im Alltag in sehr ähnlichen Umfeldern. Beide hatten dabei ein besonderes Faible für die Artisten, den "Rummel, den Circus - kurz das "Fahrende Volk". Umherziehende Circusleute zeichnete Trier gleich mehrfach, wobei in der nachfolgend abgebildeten Illustration "Fahrendes Volk" aus "Triers Panoptikum" (1922) jeglicher ironisch-heitere Ton einer völligen Tristesse gewichen ist, wie sie Trier gerade auch im Hinblick auf dieses Metier eigentlich fremd war.



"Arte Italiana"

Sammlung Nagel


Sonntag, 10. Januar 2016

Letzte Gelegenheit


"Hereinspaziert! Folgen Sie der Menge!"
"Le Rire" 1908, Sammlung Nagel

Vorstellungen, die vor weitgehend leeren Rängen ablaufen, sind in unseren Tagen insbesondere bei kleinen Circussen eher die Regel als die Ausnahme. Das Klagen der Reisenden darüber und wehmütige Rückblicke auf vermeintlich bessere Jahre sind dabei so alt wie Genealogien der Artistenfamilien - auch wenn es immer wieder Zeiten gab, in denen aus unterschiedlichsten Gründen die Produktion reisender Artisten kurzfristig größeren Zuspruch fanden. 
Nicht zuletzt im harten Konkurrenzkampf der Schaubuden auf einem Jahrmarkt war es ein schweres Geschäft, "den Laden einigermaßen voll zu bekommen". Häufig nutzten nach der Parade nur wenige Besucher die "letzte Gelegenheit", einen der "wenigen noch freien Plätze" zu ergattern, und die "Schau vor der Schau" wurde so oft wiederholt, bis die Reihen zumindest einigermaßen gefüllt waren ... 

"So gehts do no wer eini, - sehgts es net, daß si der fürcht't, alloani?"
"ZickZack" 1913, Sammlung Nagel

Fritz Wolff um 1925, Sammlung Nagel


Mittwoch, 6. Januar 2016

Große Versprechen


"Noch nie dagewesen"
"Und was ich Ihnen nun aber zeigen wollte, meine Herrschaften,
das Phänomen einer Kreuzung zwischen Dogge und Kaninchen,
so kann ich Ihnen dieses Phänomen leider nicht zeigen, indem
es erkrankt ist. Aber das Kaninchen und die Dogge, genannt das
rätselhafte Elternpaar - das muß man gesehen haben!"
(Simplicissimus 1908, Sammlung Nagel)

Die „Parade“, „die Schau vor der Schau“ insbesondere kleinerer Buden, inspirierte zahlreiche Literaten, Maler und Grafiker. Oftmals gaben die phantastischen , großspurigen Anpreisungen vermeintlicher Attraktionen, Sensationen und „Weltwunder“ Anlass zu humoristischen Auseinandersetzungen mit dem „Budenzauber“, so bei Karl Valentin oder Heinrich Zille. Die triste Wirklichkeit, die bei Zille dabei letztlich Thema war, stand bei vielen Künstlern im Vordergrund. Bekannte Beispiele hierfür schufen u.a. Fernand Pelez, Hans Baluschek oder Daumier.
Dem inspirierenden Gegensatz zwischen Schein und Sein wurden von einigen Künstlern dabei metaphorische oder auch philosophische Dimensionen abgewonnen,* bei anderen stand ein (sozialkritischer) Realismus im Vordergrund.

In illustrierten Zeitschriften wurde das Thema in der Regel von der heiteren Seite betrachtet, wobei nicht zuletzt die Methoden der Rekommandeure auf's Korn genommen wurden, die gleichsam für die Durchschaubarkeit verbreiteter Werbemechanismen stehen.
Darüber hinaus lieferte die Schaubudenparade eine ideale Vorlage für eine ganze Reihe politischer Karikaturen in satirischen Zeitschriften Frankreichs, Deutschlands und Englands.

Im Eifer
Schaubudenbesitzer: „Eintreten! Eintreten, meine Herrschaften, benützen Sie die Zeit und Gelegenheit! 
Was Sie hier sehen, ist kein gewöhnlicher Schwindel!“
(Aus einer Ausgabe der Meggendorfer Blätter aus dem Jahr 1897, Sammlung Nagel)
"Eintreten, meine Herrschaften, nur eintreten! Hier ist zu sehen die
deutsche Herrlichkeit seit zwanzig Jahren. Jeder Besucher erhält
for zehn Fenniche ein rosarotes Glas, wodurch es noch ganz bedeutend
viel schöner wird. Hereinspaziert, meine Herrschaften! Wem's nicht
gefällt, der kann ja wo anders hin gehen, wo's schöner is. Allens
rosarot meine Herrschaften!"

(Simplicissimus 1906, Sammlung Nagel)


* Siehe dazu den Beginn der Einleitung von „Schaubuden. Geschichte und Erscheinungsformen“ (www.schaubuden.de).



Donnerstag, 15. Oktober 2015

"Gegen die Flut an Tingeltangel im Bezirk"


"Tingel-Tangel", Jeanne Mammen 1922

Apollo.Variete Wien - Programm von 1911
Sammlung Nagel
... lautete die blödsinnige Aufschrift auf den Plakaten der Liste "Wir im Ersten" bei der Wiener Bezirksvertretungswahl im Oktober dieses Jahres. Die Bedeutung von "Tingeltangel" blieb in diesem Zusammenhang dabei offensichtlich gewollt nebulös.
Tingeltangel hat der vermeintlich vornehme Erste Bezirk dabei nun (leider) wirklich nicht zu bieten , selbst im altehrwürdigen Ronacher - selbstverständlich zu Varieté-Zeiten kein "Tingeltangel" - werden seit geraumer Zeit nur trendige Musicals gespielt.
Das Tingeltangel in Form von  Lokalen, kleinen Theatern bzw. Varietés und Schaubuden mit einfachen Unterhaltungsprogrammen ist weitgehend Geschichte - in Wien und anderswo. Auch artistisch sich produzierende Straßenkünstler haben sich rar gemacht. Wie schön wäre es, wenn unsere immer gleichförmigeren Städte wieder mit etwas Tingeltangel aufwarten könnten - es muss ja nicht gleich eine "Flut" sein ...


Dienstag, 28. April 2015

"The most glorious creature under the sun"



Souvenirkarte einer tätowierten Schönheit, Sammlung Nagel

... schwärmt Groucho Marx in "At the circus" (1939) von "Lydia, the Tattooed Lady" - und singt ihr eine Liebeserklärung, stellvertretend für die unzähligen tätowierten Damen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Schaubuden, in den Staaten zudem in den Sideshows der Circusse, zu sehen waren. Der Text stammt von Edgar "Yip" Harburg, der viele weitere wunderbare Songs wie "Over the Rainbow" oder "It's only a Paper Moon" schrieb. 
52 Jahre später kam das Lied in der berührenden Restaurant-Szene von Terry Gilliams  Klassiker "König der Fischer" noch einmal zu Ehren, diesmal gesungen vom großartigen Mimen Robin Williams.


Lydia the Tattooed Lady

Lydia, oh Lydia, say have you met Lydia? 
Oh! Lydia, the tattooed lady!
She has eyes, that folks adore so
And a torso even more so.
Lydia, oh Lydia, that Encyclopedia,
Oh Lydia, the Queen of tattoo!
On her back is the battle of Waterloo,
Beside is the Wreck of the Hesperus too.
And proudly above the waves,
The Red, White and Blue.
We can learn a lot from Lydia.

She can give you a view of the world 
In tattoo if you step up and tell her where.
For a dime you can see Kankakee or Paree 
Or Washington crossing the Delaware. 

Oh Lydia, oh Lydia, say have you met Lydia? 
Oh Lydia, the tattooed lady!
When her muscles start relaxin' 
Up the hill comes Andrew Jackson, 
Lydia, oh Lydia, that Encyclopedia.
Oh Lydia, the queen of them all!

For two bits she will do a Mazurka in Jazz 
With a view of Niagara that nobody has 
And on a clear day you can see Alcatraz.
You can learn a lot from Lydia. 
La la la La la la  

Come along and see Buff'lo Bill with his lasso 
Just a little classic by Mendel Picasso.
Here is Captain Spaulding exploring the Amazon 
And Godiva, but with her pajamas on.
La la la La la la 

Here is Grover Whalen unveilin' the Trylon 
Over on the west coast we have Treasure Island.
Here's Nijinsky a doin' the Rhumba,
Here's her Social Security number.
La la la La la la 

Lydia, oh Lydia, say have you met Lydia?
Oh Lydia, the champ of them all!
She once swept an Admiral clear off his feet, 
The ships on her hips made his heart skip a beat 
And now the old boy's in command of the fleet.


Sonntag, 9. November 2014

Totgesagte leben länger


Abbildung aus dem Führer einer "Anantomi-
schen Ausstellung" vom Anfang des 20. Jh.
 Sammlung Nagel

Das Dresdner Hygienemuseum zeigt zur Zeit in der Sonderausstellung "Körper-Blicke-Sensationen" Wachsfiguren und Moulagen des Wachskabinetts der Familie Hoppe.
Obwohl die Zeit solcher "Anatomischen Museen" (1) schon lange vorbei war, reiste die Schau "Der Mensch in gesunden und kranken Tagen" bis in die Mitte der 1980er Jahre von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, und bot seinem Publikum Einblicke in die innere Beschaffenheit unseres Körpers und nicht zuletzt in verschiedene abstoßende krankhafte Veränderungen desselben. Die Besucher werden diese Show in erster Linie als nostalgisches Relikt vergangenen Kirmeszaubers angesehen haben, dabei aber jener eigentümlichen Mischung aus Ekel, Faszination, Voyeurismus, Grusel und Neugierde erlegen sein, die schon unsere (Ur-)Großeltern erfasste. Letztere trieb vordergründig Wissbegier in diese "wissenschaftlichen" Museen zur Volksaufklärung, letztlich ging es aber wie bei allen Schaustellungen - und heutigen "lehrreichen" "Anatomischen Ausstellungen", deren Exponate allerdings von ganz anderer Beschaffenheit sind (2) - häufig um Sensationsgier und Schaulust.
Dass frühere Anatomische Schaustellungen dabei durchaus zur "Volksgesundheit und -aufklärung" beigetragen haben, ist damit nicht in Abrede gestellt, waren die Informationsdefizite weiter Kreise der Bevölkerung beispielsweise in Bezug auf die Schwangerschaft doch besonders groß. Hinzu kam die Drastik, mit der die Folgen einer ungesunden Lebensführung, (Geschlechts-)Krankheiten oder gar stümperhafte Abtreibungsversuche durch die wächsernen Lehrstücke vor Augen geführt wurden.

Die Dresdner Ausstellung vermittelt nicht zuletzt durch die hervorragende Ausführung der Arbeiten erstklassiger Modelleure viel von dem besonderen Reiz, den solche Objekte in früheren Zeiten ausgestrahlt haben. Dabei bedient sich die museale Konzeption nicht der "Panoptikumsmethode" (3) - was hier mehr als nahe gelegen hätte: Statt die Ausstellungsstücke quasi in den ihnen angestammten Raum durch seine Nachempfindung zurückzuführen, werden sie unter Würdigung ihrer kunsthandwerklichen Qualität in einem modernen musealen Rahmen präsentiert, der darüber hinaus Bezüge zur zeitgenössischen Kunst sowie zum Surrealismus (4) aufzeigt.

(2) ... Totgesagte leben länger: Werbung einer
 reisenden "Anatomischen Ausstellung" 
zu Beginn des 21. Jahrhunderts

(1) siehe Kapitel 1 von www.schaubuden.de
(3) siehe http://schaubuden.blogspot.de/2013/02/mehr-oder-weniger-wilde-und-die.html
(4) siehe http://schaubuden.blogspot.de/2011/07/der-falsche-doktor-und-die-surrealisten.html

Donnerstag, 17. Juli 2014

Der hat ja wohl 'nen Vogel ...


In diesem Jahr kam Rüdiger Beckers lesenswerte und aufschlussreiche Dissertation „Circusmusik in Deutschland“ von 2008 (http://kups.ub.uni-koeln.de/2668/) in Buchform heraus.
Trotz eigener intensiver und fruchtbarer Beschäftigung mit wichtiger Literatur, orientierte sich Becker bei einigen geschichtlichen Inhalten streckenweise sehr weitgehend an meiner Examensarbeit von 1989 mit dem Titel „Fahrende Artisten in Deutschland“. Dies gilt insbesondere für verschiedene Aspekte des niederen Spielmanns im Mittelalter, aber auch für Aussagen zu Komödianten und Gauklern der frühen Neuzeit, die frühe Circusgeschichte bis hin zu den Familiencircussen am Ende des 20. Jahrhunderts. Mitunter wurden sogar Begrifflichkeiten wie „Fahrende Unterhaltungskünstler“ übernommen, darüber hinaus zitiert Becker gerne Passagen aus anderen Büchern, die auch ich schon für erwähnenswert hielt – Zufälle gibt ’s …
Häufigere Kennzeichnungen indirekter Zitate, wie sie Becker ansonsten durchaus in angemessenem Maß vornimmt, wären sicherlich angebracht; weitaus ärgerlicher noch ist aber der Umstand, dass bei den vorhandenen indirekten und direkten Zitaten im Text mit einer einzigen Ausnahme die fiktive Quelle „Vogel 1989“ statt „Nagel 1989“ angegeben wird.
Die Arbeit wird dabei korrekt im Literaturverzeichnis aufgeführt, wahrscheinlich hat sie Becker im Marburger „Circus- und Varietéarchiv“ entdeckt, dessen Leiter damals ein Exemplar geschenkt bekam. Ich hege die Vermutung, dass sich Becker hier weit weniger frei bedient hätte, wenn die Arbeit allgemein zugänglich wäre. Ebenso könnte die wiederholte Vertauschung des Autorennamens dafür sprechen, dass der Umfang der Nutzung der Arbeit weniger deutlich hervortreten soll. Die einmalige korrekte Angabe lässt ein Versehen dabei eher unwahrscheinlich erscheinen.


Mittwoch, 4. Juni 2014

Im Angesicht des Todes


 Domenica del Corriere 9.Sept.1962, Titelillustration von Walter Molino
Sammlung Nagel

Der Tod scheint allgegenwärtig im Artistenmilieu: "Todesmutige" Dompteure stecken den Kopf in den Rachen der Bestie, Hochseilläufer spielen in schwindelnder Höhe mit ihrem Leben, Artisten präsentieren den legendären "Salto Mortale", ... - die Liste "lebensgefährlicher" Darbietungen ist unüberschaubar.
1924, Sammlung Nagel
"Der Artist bittet nach der Darbietung um ein Extra-Salär. Dieses Geld dient allein der Absicherung im Unglücksfall. Aufgrund der Gefährlichkeit der Darbietung ist keine Versicherung bereit, ihn aufzunehmen."

"Todeswand", "Todeskugel" oder "Todesrad" - die (Über-)Betonung ihrer Gefährlichkeit soll die artistische Attraktion aufwerten und nicht zuletzt sensationsheischendes Publikum anziehen. Es scheint allerdings fraglich, ob dieses Publikum, wie oft kolportiert, auf das Misslingen, den fatalen Fehler tatsächlich aus ist: Der frenetische Applaus nach einer spannungsgeladenen gefährlichen Darbietung ist nicht zuletzt auch ein Ausdruck der Erleichterung darüber, dass, wie zu erwarten, alles gut gegangen ist.
Nervenkitzel, Mut und Risikobereitschaft der Akteure wirken an sich. Vor allem aber übt die "Todesverachtung", das (vermeintliche) "Spiel mit dem Tod", eine eigentümliche Faszination aus, die zahlreiche interessante psychologische Deutungen nahelegt ...

Unfälle in Menagerien wurden in den illustrierten Zeitschriften des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts immer wieder aufgegriffen und durch in der Regel recht reißerische Grafiken illustriert. Dieser Holzstich unterscheidet sich dabei von den zahlreichen anderen Illustrationen, die Angst, Schrecken und Panik wiedergeben: Die junge Dompteuse ist gestürzt und somit ihrer "Alpha-Stellung" beraubt. Ein Löwe hindert sie mit seiner Pranke daran, sich wieder zu erheben, die anderen Raubtiere reagieren hoch nervös auf die ungewohnte Situation, die in wenigen Augenblicken zu eskalieren scheint. Die Tierbändigerin indes zeigt keinerlei Anzeichen von Todesangst oder Panik. Entweder hat sie sich ihrem Schicksal ergeben oder aber die kaltblütige Schöne will die Bestien nicht durch Anzeichen von Angst zum finalen Angriff reizen. "Todesmutige" Raubtierbändigerinnen verkörperten einen selbstbewussten Frauentypus, der im schärfsten Gegensatz zum Rollenverständnis ihrer Zeit stand. (Sammlung Nagel)


Dienstag, 7. Januar 2014

Kirmestreiben


Karussells boten in früheren Zeiten nicht nur Kindern ein Vergnügen.
Später wurde mit Vorliebe bei  Raupenbahnen und Autoscootern geflirtet.
(Abbildung aus einer französischen Illustrierten von 1941, Sammlung Nagel)

Detail einer Bildpostkarte um 1900, Sammlung Nagel
"Lockvogel" vor einer amerik. Schau der 40er
Sammlung Nagel
Viele Vergnügungen auf der Kirmes waren seit jeher erotischer Natur. Für die junge Landbevölkerung bot der Jahrmarkt im nächstgelegenen größeren Ort eine der wenigen Möglichkeiten, in einer gelösten Atmosphäre Kontakte mit dem anderen Geschlecht außerhalb des eng begrenzten Lebensraums zu knüpfen, und oft war der Jahrmarkt gleichzeitig auch ein "Heiratsmarkt".
Hierin mag der der Grund dafür liegen, dass sich der "Rummel" zum Ort eines ausgelassenen, ja enthemmten Treibens entwickelte, das allenfalls noch mit dem Karneval oder den alten Narrenfesten zu vergleichen war. Die Traditionen, die sich vielerorts mit diesem "Kirmestreiben" entwickelt haben, ähneln daher auch nicht von ungefähr denen des Karnevals - bis hin zum abschließenden Verbrennen einer Puppe bzw. Vergraben eines Tierknochens, die gleichsam für die "Sünden" der vergangenen Tage standen.

Ein erotisches Fluidum verbreiteten darüber hinaus zahlreiche Schaubuden (siehe die Kapitel 6 und 8 unter www.schaubuden.de) sowie nicht zuletzt Bemalungen auf Schau-, Belustigungs- und Fahrgeschäften aller Art. Erwin Ross, "der Rubens von der Reeperbahn", war nicht von ungefähr auch als Schaustellermaler tätig.

Detail einer Malerei von Fritz Laube auf einem Belustigungsgeschäft

Als einen Grund für das vermeintlich maß- und sittenlose Treiben auf den Jahrmärkten beschreibt R. Wunderer in seinem sehr tendenziösen Buch "Hexenkessel der Erotik" (Stuttgart 1963), den "schlechten Geschmack der Masse".
Diese breite Masse hatte auf den Festplätzen dabei stehts ihre Favoriten, wenn es ums Näherkommen und Flirten ging. In früheren Zeiten war dies das "Teufelsrad" - ein "Belustigungsgeschäft" im wahrsten Wortsinn, das seinerzeit wie kein anderes für ungezwungenes Vergnügen stand.






Ringelpiez mit Anfassen 
Illustration aus einer Zeitschrift von 1911
Sammlung Nagel

Samstag, 9. November 2013

Arletty im Bade


Der Jahrmarkt mit seinen Schaustellungen faszinierte zahlreiche Literaten und bildende Künstler von Rang als eine unwirklich anmutende Gegenwelt, die sie zu einer Vielzahl künstlerischer Werke inspirierte.
Auch dem Film diente der Jahrmarkt immer wieder als Kulisse, so in Marcel Carnés Meisterwerk "Kinder des Olymp" aus den 1940er Jahren. Die Protagonistin Garance, gespielt von der großartigen Arletty, tritt zu Beginn des Film in einem "Piktus"* auf: In einem mit Wasser gefüllten Zuber sitzend, wird sie von Männern aus der Unterschicht begafft, wobei sie die gleiche unnahbare Würde ausstrahlt, mit der sie im Verlauf des Films allen Männern, ob Gaunern, Künstlern oder Adeligen, begegnet.

Ein anderer Klassiker der Filmgeschichte greift die geheimnisvolle Aura, die einige Schaubuden umgab, in künstlerisch übersteigerter Form auf. Der Somnambule in Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" von 1920 hat dabei reale Vorbilder in Schaubuden, in denen "Hellseher" mit Hilfe des "Somnambulismus" Gedanken zu lesen vorgaben, versteckte Gegenstände aufspürten und manipulierten oder auch in die Zukunft schauten.**


 "Rummelplatz der Liebe" (1954), Illustrierte Film-Bühne Nr. 2395
Als populäre, vorrangig die Schaulust ansprechende anspruchslose Unterhaltungsform waren der "Rummel" und nicht zuletzt die Schaubuden aber ebenso häufig Thema von Filmen simplerer Machart. Auch hier erscheint der Jahrmarkt oft als Gegenwelt und mehr noch als Ort, in den mehr oder weniger unterdrückte Wünsche und Sehnsüchte projiziert werden. Erotik und Exotik spielen dabei zentrale Rollen: die vermeintliche Ungebundenheit der Artisten und Schausteller, ihre romantisierend dargestellte "unstete" Lebensweise, aber auch sittlich-moralische Grenzüberschreitungen, Intrigen und Eifersucht.


Als der Film "Looping" im Jahr 1980 gedreht wurde, lagen die wenigen verbliebenen Schaubuden "in den letzten Zügen". Obwohl dies nur der Hintergrund der eigentlichen, recht dünnen Story ist, beschreibt der Film das Ende der Ära der Schaubuden sehr treffend: Die Darbietungen einer heruntergekommenen Bude ziehen nicht mehr und nicht zuletzt die Kunstschützendarbietung der Prinzipals Jonny (Hans-Christian Blech) ist für die wenigen angetrunkenen Gäste nur noch eine Lachnummer. Erst als man eine Striptease-Show präsentiert, kann man kurzfristig wieder Publikum anziehen.


Heute werden die Jahrmarkts-Darbietungen vornehmlich in einer meist nostalgisch verklärten Rückschau betrachtet, wobei ein skurriler, theatralischer Budenzauber oftmals im Mittelpunkt steht, der den Originalen im Ansatz durchaus entspricht, wenngleich er dort meist in weit profanerer Weise in Erscheinung trat. Terry Gilliams "Das Kabinett des Dr. Parnassus" (2009) - eine Mischung aus Schaubude und barocker Wanderbühne - ist auch eine Hommage an diesen vergangenen Budenzauber.


* siehe dazu www.schaubuden.de, Kapitel 8, S.149f
** siehe dazu www.schaubuden.de, Kapitel 2, S. 44f

Montag, 10. Juni 2013

Gerührt, nicht geschüttelt!


Norman Rockwell, Titel der Saturday Evening Post vom 3.5.1947
(Sammlung Nagel)
Die Gestaltung eines Fahr- oder Schaugeschäfts durch einen versierten Schaustellermaler ist in ihrer Wirkung einmalig. Leider gibt es nur noch weniger Könner dieses aussterbenden Metiers, das durch Airbrush-Techniken sehr weitgehend verdrängt wurde. Die in der Spritztechnik gestalteten Fassaden wirken bei aller Perfektion fast immer auf eine gewisse Weise eintönig und "seelenlos". Mittlerweile scheint aber auch diese Technik, die durchaus handwerkliches Können und gestalterische Fähigkeiten verlangt, langsam abgelöst zu werden: Die Fassaden einiger neuer Geschäfte "schmücken" bereits auf Folie gedruckte Fotomotive, andere gar digitale Filmsequenzen. Einmal mehr scheinen die Schausteller bemüht, den besonderen Flair des Jahrmarkts zunichte machen zu wollen - und wundern sich dann über das Ausbleiben weiter Teile ihres Publikums ...





... eine beeindruckende Arbeit von Wolfgang Bühren aus Mönchengladbach (Foto: Nagel)

Samstag, 25. Mai 2013

Kulturgeschichten


Das Interesse an Themen der Alltags- und Unterhaltungskultur führt oftmals zur Beschäftigung mit Büchern, die vorgeben eine, wenn nicht gar "die" "Kulturgeschichte" eines Themas XY zu sein.
Solche "Kulturgeschichten" waren in der Vergangenheit einmal Glanzstücke unter den Sachbüchern und Hauptwerke fähiger, kenntnisreicher Autoren mit Hintergrund - geistreiche, vielschichtige Betrachtungen eines Gegenstandes aufgrund einer jahrelangen Auseinandersetzung einschließlich intensiver Quellenarbeit.
Solch ausgezeichneten "Kulturgeschichten" sind selten geworden, Bücher, die diese Bezeichnung im Untertitel führen, allerdings nicht. Der Begriff wird geradezu inflationär gebraucht, die Gründe dafür liegen auf der Hand und werfen ein denkbar schlechtes Licht auf Autoren der gewissen Sorte, die zukünftig mit einer "Kulturgeschichte" unter ihren Veröffentlichungen ganz gewiss nicht hinter dem Berg halten werden.
Diese Kulturgeschichten der seichten Art zeichnen sich allenfalls durch eine aufwendige Gestaltung aus. Eine Konzeption wird oftmals nur ansatzweise entwickelt und erscheint ebenso beliebig und lückenhaft wie Schwerpunktsetzung, Gliederung und Inhalt. Die oberflächliche, im schlimmsten Fall erschreckend kenntnisarme Darstellung gründet sich dabei bisweilen - wie ich selbst erleben musste - auf überaus fragwürdige Mittel der Informationsbeschaffung sowie ganz offensichtlich auf die Sichtung weniger Standardwerke zum Thema. So umfasst das Quellenverzeichnis dann auch mitunter nur eine Liste von "Auswahlliteratur", die sich in Wirklichkeit als Grundlage der "Kulturgeschichte" erweist. Doch wenn auch noch so viele unerlässliche Schriften in der mageren Liste der "Auswahlliteratur" fehlen: Sämtliche, das Thema gerade noch am äußersten Rande streifenden Publikationen der Autorin oder des Autors werden selbstverständlich aufgeführt ...




Sonntag, 3. Februar 2013

Mehr oder weniger Wilde und die Panoptikumsmethode


Völkerschauführer 1911, Sammlung Nagel

Mit den um die vorletzte Jahrhundertwende erfolgten Eingliederungen Westsamoas und der Gebiete der Neuguinea-Kompanie in das deutsche Kolonialreich bekamen Südsee-Sehnsüchte neue Nahrung. Die um sich greifende Südsee-Euphorie äußerte sich in zahlreichen Schriften und Ausstellungen - bis hin zu einer frühen Aussteiger-Bewegung, dem "Sonnenorden" August Engelhardts.
Mit den Samoanern wurden "neue Landsleute" begrüßt, die einer völlig anderen Wahrnehmung unterlagen als die Eingeborenen der afrikanischen Kolonien. 
So präsentierte Marquardts Samoa-Völkerschau, die gleich nach der Hissung der deutschen Fahne auf Samoa ihre überaus erfolgreiche Tournee begann, "körperlich wohlgebildete, liebenswürdige Naturkinder," deren "Art und Weise des Auftretens im auffallenden Gegensatz zu anderen in Deutschland zu sehenden Naturvölkern stand". (Führer "Die Samoaner" 1911)
"Es sind in der That durchweg kräftig und schön gebaute Leute von hellbrauner Hautfarbe (…), und sie gewinnen durch ihre selbst nach unseren Begriffen nicht reizlose Gesichtsbildung und ein sehr liebenswürdiges, temperamentvolles Wesen. In allen ihren Kunstfertigkeiten und in der ganzen Art, sich zu geben, zeigen die Samoaner, daß sie ein unvergleichlich höher stehendes, intelligenteres und kulturfähigeres Volk sind als die Eingeborenen Afrikas." (Daheim 16.Jg, Nr.37, 16.Juni 1900, S.3)

Das "Bild der Welt" breiter Bevölkerungsschichten wurde in einem nicht unerheblichen Maß von Schaustellungen solcher Art geprägt.
Die großen Völkerschauen zeigten Angehörige "exotischer Völker" bei verschiedenen Verrichtungen ihrer Alltags-, Fest- und Kriegskultur, wobei die Authentizität dem "Schauwert" oftmals untergeordnet wurde.

Die Vorführungen in Schaubuden waren zumeist ganz anderer Art, hier stand die Präsentation des vermeintlich "Wilden" und "Triebhaften" "primitiver" dunkelhäutiger Eingeborener im Vordergrund, wobei die Primitivität mit der Dunkelheit der Hautfarbe stieg. Am Ende der Scala standen Buschmänner, "Kannibalen", "Austral-Neger" und "Hottentotten".

In reisenden und stationären Panoptiken, die i.d.R. Abteilungen fremder Völker bzw. Rassen beinhalteten, war der Tenor oft ähnlich:  "Nr. 1120 Koranas-Neger. Bewohner von Südwest-Afrika mit affenähnlichen Gesichtszügen. Sie stehen auf der niedrigsten Stufe aller Negerstämme und sind von sehr wilder und roher Natur." (Illustrirter Führer durch das internationale Handels-Panoptikum München, um 1900)

Diese Abteilungen umfassten vor allem wächserne Köpfe verschiedener Völker, aber auch lebensgroße bekleidete Wachsfiguren, die oftmals in nachgestellten Lebenssituationen mit Original-Gerätschaften vor entsprechenden Kulissen präsentiert wurden. Einige Panoptiken waren sogar auf solche Gruppierungen unter einem geographischen Schwerpunkt spezialisiert.

Volks- und Völkerkundemuseen griffen diese Präsentationsform auf, die Kritiker ganz zutreffend als "Panoptikumsmethode" bezeichneten.
Diese publikumswirksame "Panoptikumsmethode" konnte sich etablieren und ist bis heute, wenn auch unter anderen Bezeichnungen, verbreitet - selten allerdings so konsequent und gelungen umgesetzt wie in der Ausstellung "Wir Rheinländer" des Rheinischen Freilichtsmuseums in Kommern.

Straßenbild aus Kiautschau, Deutsches Kolonialmuseum Berlin 
Abb. in Daheim, Nr. 29, 36. Jg., 21.4.1900, S.5


Weitere Ausführungen finden sich in den Kapiteln "Panoptikum" und "Völkerschau" unter www.schaubuden.de .