Dienstag, 25. November 2008

"Zum Schluss ist die Somnambule zu sprechen"






















Das „Cabinet des Dr. Caligari“ im gleichnamigen Stummfilm-Klassiker von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 ist eine Schaubude, in dem der vermeintlich weissagende „Somnambule“ Cesare auftritt.
 „Herrrrrreinspaziert! Hier ist zum ersten Male zu sehen – Cesare, der Somnambule! Cesare das Wunder – Dreiundzwanzig Jahre alt, schläft seit dreiundzwanzig Jahren ununterbrochen Tag und Nacht -, Cesare wird vor Ihren Augen aus der Totenstarre erstehen – Herreinspaziert!“
(…)
„Meine verehrten Herrschaften! Cesare der Somnambule wird Ihnen alle Fragen beantworten. Cesare kennt alle Geheimnisse – Cesare kennt die Vergangenheit und sieht in die Zukunft –Überzeugen Sie sich selbst – Treten Sie heran! Fragen Sie!“ 
Dieses Geschehen knüpfte durchaus an reale Vorbilder an. Mit der „Wahrsagerei“ wurden häufig weniger spektakuläre Schaustellungen oder einfache Illusionsshows aufgewertet; so betätigten sich z.B. durch Spiegeltricks „entstellte“ Damen oder Albinos oftmals als „Hellseher“ oder „Gedankenleser“.
„Somnambule“ waren von einer besonders geheimnisvollen Wirkung auf das Publikum und außer den üblichen Absprachen und verklausulierten Hinweisen beim „Lesen“ der Gedanken einzelner Zuschauern mussten die in „Trance“ befindlichen „Medien“ keinerlei Kunstfertigkeiten beherrschen.
Zu Beginn ihres Auftritts wurden die „Gedankenleser“ nicht selten zunächst in einen angeblich „hypnotischen“ oder „somnambulen“ Zustand versetzt, mitunter mit Mitteln des „Magnetismus“.
Hellseher, die ebenfalls mitunter als „Somnambule“ ausgegeben wurden, hielten ihre „Sprechstunden“ in der Regel im Anschluss an die Schaubudenprogramme ab: „Zum Schluss ist die Somnambule zu sprechen.“

(Filmzitate und Szenenbild aus einem Abdruck des Drehbuchs, Verlag Wiedleroither, Stuttgart 2000)


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Montag, 10. November 2008

Valentins Weltwunder

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Valentins "Okroberfest-Schaubude". München, Kabarett Charivati 1920
Die Flöte spielt Bertolt Brecht, Karl Valentin die Tuba. Die "Rekommandeuse" an der ist Liesl Karlstadt.

Es verwundert nicht, dass die Anpreisungen und die phantastisch-skurrilen Erläuterungen der Schaubuden-Rekommandeure auf dem Oktoberfest Karl Valentin zahlreiche Anregungen für komische Szenen lieferten, wobei sich Original und Persiflage oftmals gar nicht so sehr voneinander unterschieden haben dürften... In seine Szene "Oktoberfestschau" treten mit einer "Riesendame" und einem "Fakir" bzw. "Muskelphänomen" typische Schaubudenattraktionen in Erscheinung.
"Das Attraktionsprogramm mit Fräulein Lilly Wiesi Wiesi; das größte Weib, das je in Europa gezeigt wurde. Die Dame ist 2-3 m groß und wiegt 280 Pfund. (...) Um ihre Größe beizubehalten, isst die Dame nur längliche Speisen, wie Stangenspargel, Makkaroni, Rhabarber und Salzstangerln. Getränke muss sie sprudelnd heiß trinken, da die im Munde eingenommenen heißen Flüßigkeiten infolge der langen Speiseröhre meistens eiskalt in den Magen kommen und zu einer Magenerkältung führen könnten. (...)"
"In der zweiten Abteilung sehen sie 'Tafit', den Mann mit den Riesenohren. (...) Im Alter von 12 Jahren und 16 Monaten kam er in die Lehre eines neapolitanischen Schuhmachermeisters in Ceylon. In seiner über 40jährigen Tätigkeit als Schusterjunge, in welcher er sich durch Faulheit, Frechheit und Liederlichkeit auszeichnete, war seinem Meister Gelegenheit gegeben, ihn in unaufhörlicher Art und Weise bei den Ohren zu ziehen, (...). Infolge dieser jahrelangen Ausdehnung der Ohrmuscheln haben diesselben solch ungeheure Dimensionen angenommen, wie Sie heute Gelegenheit haben, bewundern zu können. Durch die ungeheure Bauchung der Ohrmuscheln hat sich bei Herrn Tafit die Schallaufnahme-Fähigkeit dermaßen verstärkt, dass Herr Tafit, wie das Sprichwort sagt, das Gras im Finstern wachsen hört. Das Zerdrücken eines Flohes erschallt bei Herrn Tafit wie ein Böllerschuss. Bei Sturmwind kann sich Herr Tafit nicht auf die Straße wagen, da die Ohrmuscheln Wind fangen würden und ihn vor Unglück nicht schützen könnten. In seinen Riesenohren erzeugt Herr Tafit jährlich 12 Ztr. Ohrenfett, welche er stets an einen Wagenschmierfabrikanten abgibt, und an dem Erlös desselben einen ganz schönen Nebenverdienst zu verzeichnen hat. Herr Tafit ist der Liebling sämtlicher Damen. Er ist vollständig normal gebaut bis auf die beiden Ohren - es ist keine Illusion - kein Schwindel - alles echt. (...)"   
In der letzten Abteilung - Valentin Wau, das Muskelphänomen, - der Mann mit dem Eisenmagen - der unverwundbare Fakir. Er wird schwere eiserne Gegenstände wie Eisenbahnschienen - Betonpfeiler - schwere Artelleriesäbel auf seinen Armen und Muskeln krummbiegen. (...) Er ist im Stande, ganz gewöhnliche Steinkohlen zu essen. - Richtige, unverfälschte Salzsäure wird er trinken (trinkt und zittert) - das ist das gewöhnliche Nervenzucken, das muss eintreten nach dem Genuss von Gift, aber es wird in wenigen Minuten wieder vorüber sein. (...) Valentin Wau, der unverwundbare Fakir, er ist im Stande, sich spitze Gegenstände wie Nadeln, Nägel usw. durch irgendein Körperteil mit aller Gewalt stossen zu lassen. Eine Hutnadel wir ihm nun durch die Nase gestoßen. (...) In seiner Schlussattraktion wird sich Herr Valentin Wau auf den Boden legen und sich von einem Wagen, besetzt mit fünf Personen, überfahren lassen. (...)"
Zutritt, Zutritt, meine Damen und Herren, soeben ist Anfang - Beginn der neuen Vorstellung. Niemand soll den Festplatz verlassen, ohne unserer Vorstellung beigewohnt zu haben. (...)
Zur Kassa die Kapelle gibt das letzte Zeichen. Sie brauchen nicht lange zu warten - die schönsten Plätze sind noch zu haben. - Sie bezahlen heute ermäßigte Preise, - also zur Kasse - Zutritt, - die Künstler begeben sich in das Theater - die Kapelle gibt das letzte Zeichen und die Vorstellung beginnt."   
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Textquelle: Karl Valentin: Sämtliche Werke in acht Bänden, hg. von H. Bachmaier und M. Faust. München, Zürich 1995. Band 3: Szenen, S.26-30
Bildquelle: Elmar Buck: Vision - Raum - Szene. Gemälde, Graphik, Skulptur, Plakat, Foto, Film in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung Schloss Wahn, Universität Köln. Kassel 2001, S.430f
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Samstag, 1. November 2008

Rheinisches Panoptikum Kommern


Wachsfigurenkabinette sind rar geworden. In Deutschland existieren noch das traditionsreiche Hamburger Panoptikum und seit einiger Zeit ein Ableger der Tussauds-Group in Berlin. 
Eine besonders schöne Wachsfigurenschau erleben darüber hinaus die Besucher des Rheinischen Freilichtmuseums Kommern im Eifelvorland. In einer unscheinbaren großen Halle inmitten des idyllisch gelegenen Museumsgeländes wird dort die Ausstellung "Wir Rheinländer" gezeigt. Der Weg führt durch eine originalgetreu gestaltete und eingerichtete Kulissenstadt, beginnend in der Franzosenzeit Ende des 18. Jahrhunderts und endend in den "Wirtschaftswunderjahren". 
Die eigentlliche Attraktion bilden die 240 verblüffend echt wirkenden originalgroßen Wachsfiguren, die die verschiedenen Szenerien beleben. Einige tragen die Köpfe prominenter Rheinländer aus Vergangenheit und Gegenwart.  
Eigentlich ähnelt das Ganze über weite Strecken einem alten stationären Wachsfigurenkabinett. Die Brüder Castan hätten gewiss ihre Freude daran.

www.wir-rheinlaender.lvr.de
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Montag, 6. Oktober 2008

"Darum zu Barum"


Abbau bei Barum: Charakteristisch war die Zebra-Bemalung der Zug- und Rangierfahrzeuge.

Ich liebe guten Circus – und einen mochte ich ganz besonders: Circus Barum!
Meine Circusbegeisterung reicht bis zur Kindheit zurück, in der sich ab und zu kleine Familiencircusse in unser Dorf verirrten. Große Circusse gastierten in der 20km entfernten Kreisstadt, allerdings nahm mich mein Vater nur zur Tierschau und den Proben im großen Zelt mit – was die Erwartungen an eine Vorstellung in einem großen Circus enorm steigerte. Als es dann endlich soweit war, war es Mitte der 70er natürlich Barum – ein fest in meiner Erinnerung haftendes Erlebnis.
Barum war einer der bekanntesten Circusse, was nicht zuletzt mit der Popularität Gerd Siemoneits als Stardompteur und „Tierpsychologe“ zusammenhängt. Ihm ist es wohl in erster Linie zu verdanken, dass der seriöse klassische Tiercircus trotz aller Polemik dogmatischer Tierrechtler bei vielen Menschen noch ein positives Image besitzt.
Vor allem beruhte der langjährige Erfolg von Siemoneit-Barum auf einem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil, Circus zu machen.
Nach einem Schrumpfungsprozess Anfang der 80er, verbunden mit einem kurzen experimentellen Intermezzo, war dieser Stil schnell gefunden, der sein Publikum immer wieder auf’s Neue begeisterte und dafür sorgte, dass das Chapiteau im Gegensatz zu den Zelten vieler Mitbewerber erstaunlich oft gut bis sehr gut besetzt war.
Was machte nun diesen besonderen und so überaus erfolgreichen Stil aus? Er war schnörkellos ohne trist zu wirken, im wahrsten Sinnes des Wortes „stimmungsvoll“ ohne bemühte Aufgesetztheiten, bis ins Detail durchdacht, heiter und nicht zuletzt flott, aber nicht gehetzt.
… dies alles im Dienst einer überaus gelungenen, kurzweiligen und abwechslungsreichen Programmzusammenstellung ohne Längen und Füllnummern.
Siemoneit hatte immer ein besonderes Händchen für originelle und publikumswirksame akrobatische Nummern mit Klasse. Dutzendware mit Zweit- und Drittnummern war nicht sein Ding, Qualität ging vor Quantität – und hier war weniger wirklich mehr!
Größere Truppen gab’s meistens erst vor dem Finale und die gestalteten ganz klassisch furiose Schlussnummern wie z.B. eine verwegene Reiterei – begeisternder Circus pur eben.
Starnummern waren auch immer wieder zu sehen und sorgten für bleibende Erinnerungen auch beim breiten Publikum, so zum Beispiel Don Martinez mit seiner herrlich komischen Trampolindarbietung.
Schließlich stand Barum für den großen Tier-Circus – und bei Barum war dies auch für viele der dem kritisch gegenüberstehenden Zeitgenossen nicht kritisch besetzt, im Gegenteil. Auch aus diesem Grunde ist sein Ende so bedauernswert. Mit Barum verlor der Tiercircus in unserem Land seinen in positiver Hinsicht prominentesten Vertreter.
Für den Ruf Barums als DER Tiercircus standen natürlich die berühmten humanen Dressurgruppen des Chefs – aber auch die anderen Tiergruppen des Hauses, wobei lange Zeit die besten Dresseure bei Barum waren. Selbstverständlich waren die Dressuren erstklassig, aber vor allem die Präsentation der Pferde und Exoten hob sie deutlich von der Konkurrenz ab. Hier zeigte sich in besonderer Weise der Stil des Hauses – und das sichere Gespür für absolut stimmige musikalische Arrangements, gespielt von einem hervorragenden Orchester mit einem satten Big-Band-Sound.
Die Bedeutung der musikalischen Begleitung des Programms kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Viele Melodien haben sich mir richtig eingeprägt, die Rota-Musik zum Opening z.B., die Begleitung einer langjährigen Flugtrapezgruppe oder die heiter beschwingte Melodie zum Finale.
Anfang des neuen Jahrtausends beteiligten sich die Kinder Gerd Siemoneits zunehmend an der Gestaltung der Programme und letztere hatten nicht mehr den besonderen kurzweiligen Stil und verloren an Klasse.
2008 wurde dann das Ende des traditionsreichen Circus verkündet, wobei das Programm streckenweise wieder die alten Qualitäten zeigte.
So erlebte ich noch einmal eine schöne Vorstellung in meinem Lieblingscircus, den ich seit über 30 Jahren kannte und seit Mitte der 80er Jahre mit großer Freude mindestens einmal jährlich besucht habe.
… Circus, der mir gefiel wie kein anderer in unserem Land: Klassischer, großer Circus mit seiner einzigartigen Atmosphäre, Circus pur!


Abgesehen von diesen wehmütigen persönlichen Erinnerungen, ist der Circus Barum auch für diesen Blog interessant. Er war wohl der einzige deutsche Circus, der eine regelrechte "Sideshow" mit sich führte, in der die Direktion Kreiser Mitte der 1920er Jahre Kuriositäten und Illusionen präsentierte.
Auch unter der Direktion von Gerd Siemoneit gab es ein wenig "Budenzauber" zu erleben: Noch in den 80er Jahren präsentierten die marokkanischen Zeltarbeiter, kostümiert als "Söhne des Atlasgebirges", in der Tradition der "Völkerschauen" "traditionelle" Trommelmusik. Außerdem nutzten sie ihre "Marokkoshow" während der Pause im Elefantenzelt zum Souvenirverkauf, u.a. mit allerlei kunstgewerblichen Gegenständen. Der Verkauf von Souvenirs stellte früher in den Schaubuden und Völkerschauen häufig weit mehr als eine Nebeneinnahme für die Akteure dar. Insbesondere die verbreiteten Souvenirpostkarten bildeten eine sehr wichtige Einnahmequelle.
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Montag, 29. September 2008

Affiger Gruß

Der Schausteller Traugott Petter (1907 – 1980) reiste bereits Ende der 20er Jahre mit einer  Schaubude, in der er typische Attraktionen wie Riesen, Liliputaner und eine 560 Pfund schwere Kolossaldame präsentierte.

Berühmt wurde er in den 30ern mit seiner Aufsehen erregenden Schimpansenschau. Die besonderen Leistungen seiner Tiere auf der Bühne hingen sicherlich nicht zuletzt mit dem innigen Verhältnis Petters zu seinen Tieren und ihren besonderen Haltungsbedingungen zusammen: Die Tiere lebten mit der Familie zusammen im Wohnwagen und wurden nach Aussage der Kinder noch fürsorglicher behandelt als diese.

„Da sie klein waren, als wir sie bekamen, haben sie spielend gelernt. Wenn wir Rollschuhe gefahren sind, haben sie es nachgemacht, beim Radfahren dasselbe…“

Auf die (ironische) Bemerkung eines Parteigenossen hin, ob seine Affen nicht grüßen können, brachte der überzeugte Sozialdemokrat Petter seinen Tieren den „Deutschen Gruß“ bei, den sie fortan bei allen möglichen Gelegenheiten ausführten.

Diese tierische Parodie erregte natürlich das Missfallen der Nazis, und Petter wurde unter Androhung der „Abschlachtung“ seiner Tiere aufgefordert, ihnen den Trick wieder abzutrainieren. Der Schausteller gehorchte, trotzdem blieb die Geschichte für ihn nicht folgenlos: Er wurde an die Ostfront geschickt und seine Affen gingen vermutlich aus Trennungsschmerz einer nach dem anderen ein…

Quellen: Annette Krus-Bonazza: „Auf Cranger Kirmes“. Münster 1992 (Abbildung und Zitat der Tochter); www.petter-paderborn.de;  "Heil Hitler, das Schwein ist tot!“ Humor unterm Hakenkreuz. Eine Fernsehdokumentation des NDR aus dem Jahr 2006


Samstag, 23. August 2008

Zille und die Piktusse

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Die bescheidenen Rummelplätze am Stadtrand gehörten zu den wenigen Stätten des Vergnügens für das Berliner Proletariat in den Jahrzehnten um die vorletzte Jahrhundertwende. Hier war ein wenig Abwechslung vom tristen Alltag in den Fabriken, Mietskasernen und Hinterhöfen zu finden. Insbesondere die Schaubuden ermöglichten Einblicke in eine Welt außerhalb dieser Tristesse, eine Welt voller Exotik und Wunder.

Dabei ging es auf diesen kleinen staubigen Rummelplätzen kaum weniger bescheiden zu. Die Verdienstmöglichkeiten der Schausteller waren so gering wie die Ansprüche des einfachen Volkes im Hinblick auf Zerstreuung. Dessen Zugänglichkeit für vergleichsweise anspruchslose Attraktionen in den Singspiel-Hallen, „Spezialitätentheatern“ und Schaustellungen mutet naiv an. Im Vergleich zur alltäglichen Eintönigkeit aber hatten die lautstark beworbenen „Weltsensationen“ tatsächlich Unterhaltungswert.

Es verwundert nicht, dass dieses Treiben auf Heinrich Zille eine besondere Faszination ausübte. Er zeichnete im wahren Wortsinn ein ungeschminktes Bild des Berliner Rummels vor und hinter den Kulissen – humorvoll und in seiner eigenen Art immer auch mehr oder weniger sarkastisch.


Auf dem Rummel
"Wat schubberst de denn uff de Lola rum. -"
"Na heite als Engel mit det weiße Triko -
da scheint ja allens durch!"


Der Feuerfresser
"Ein Hundeleben! Seit drei Tagen habe ich
noch nichts Warmes in den Mund gebracht."


Als „lichtbildnerischer Notizblock“ diente ihm sein Fotoapparat. Zilles Photoplatten, die u.a. vom Treiben auf dem damaligen Vorstadt-Rummel einmalig authentische Eindrücke vermitteln, wurden erst Ende der 60er Jahre entdeckt.

Einige der gezeigten Schaubuden sind sogenannte „Piktusse“, kleinere Schaustellungen mit sehr bescheidenen Darbietungen, bei denen die Diskrepanz zwischen den Ankündigungen und dem tatsächlich Gebotenen besonders groß war. Nicht selten wurde das Publikum hier regelrecht „über den Tisch gezogen“, was dazu führen konnte, dass den Betreibern die Spielerlaubnis entzogen wurde.
So ein „Piktus“ war häufig nur Herren zugänglich. Offenherzig bekleidete Damen, mehr oder wenig offene Andeutungen des Rekommandeurs sowie „eindeutig zweideutige“ Abbildungen im Frontbereich ließen erotische Darbietungen oder gar Dienstleistungen erwarten, die i.d.R. nicht geboten wurden. Stattdessen bekam der Besucher Belanglosigkeiten zu sehen. Wollte er mehr, musste er Sonderzahlungen für sogenannte „Extrakabinette“ zahlen, die jedoch wiederum nicht das Erhoffte boten…

Bei den "Rosen aus dem Süden" handelt es sich wahrscheinlich um solch einen Piktus. Auf dem unteren Foto ist die Schaubude von "Fräulein Pauline", der "stärksten weiblichen Athletin und Kanonen-Königin der Gegenwart" zu sehen - "ohne Konkurenz" und "lebend".
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Abbildungen:
Jule Hammer: Buden, Bier und starke Frauen. Hannover 1987 (oben)
Friedrich Luft: Mein Photo-Milljöh. Hannover 1967 (unten)
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Sonntag, 10. August 2008

Tauma

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Auch mein dritter Schaubudenaushang im Stil amerikanischer Sideshow-Banner wurde von einem bekannten Renaissancegemälde inspiriert.

Tauma war eine gängige Bezeichnung für die Illusion einer lebenden Dame ohne Unterkörper, allerdings befand sie sich meistens frei schwebend auf einer Schaukel. Die recht einfache Illusion fand oft in einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Kabinett statt, so dass die schwarze Hose der Dame unsichtbar war.
In der hier dargestellten Version hieß sie häufiger Fatima und war in der Regel eine Spiegelillusion.
Zur Mona Lisa passt Tauma aber ein wenig besser, finde ich.


.Die

Rechts die eigentliche "Tauma" auf einer Schaukel in einem schwarzen Kabinett "schwebend". (Sammlung Nagel)

Montag, 7. Juli 2008

Kopf ab!

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Ein großer Freund des neuen „Wachsfigurenkabinetts“ der „Madame-Tussauds-Group“ (http://www.merlinentertainments.biz/) in Berlin bin ich nicht: Verringert es doch die Chancen für eine ursprünglich geplante Wiedererstehung des traditionsreichen alten Berliner Panoptikums, das vielleicht weniger spektakulär und groß war, dafür aber umso mehr Atmosphäre der Wachsfigurenkabinette früherer Zeiten vermittelte.
Jedenfalls hat das neue Etablissement gleich zur Eröffnung die denkbar beste Werbung bekommen, als der umstrittenen Hitler-Figur von einem Besucher der Kopf abgerissen wurde.

Die Schaustellungen von (Massen-)Mördern und Despoten gehör(t)en zu einem Wachsfigurenkabinett wie Abnormitäten, Reliquien, Folterinstrumente und abschreckende medizinische Moulagen; solche Exponate erzeugten die vielfach beschriebene schauderhafte Wirkung der Kabinette.
Andererseits sind Vorbehalte gegen die Aufstellung der Hitler-Figur in der ehemaligen Reichshauptstadt nachvollziehbar. Mir fällt hier ein Abschnitt aus Friedrich Holländers Lebenserinnerungen ein: “(...) Dafür war die Schreckenskammer jederzeit geöffnet. Haarmann mit dem Hackebeil, Giftmariechen mit dem Silberblick, der schiefe Otto mit der Würgehand. Wie schön! Und vor allem das Guckloch in die Hölle, in der nackte Damen ein Rasiermesser hinunterritten. Alles in Bewegung, für einen Groschen. Nebenan waren die Politischen: Iwan der Schreckliche, Luccheni, der Mörder der schönen Kaiserin Elisabeth. Ob sie den Herrn aus dem Münchner Bürgerbräu auch einmal ausstellen werden? Wie ich meine Deutschen kenne, werden sie ihn eines Tages dahin verfrachten. Und eines Tages werden sie ihn wieder herausholen.” (Von Kopf bis Fuß. Revue meines Lebens. Berlin 2001(1965), S.132)
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Freitag, 27. Juni 2008

Schmierentheater

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Theaterzettel, Sammlung Nagel
Es zeugt vielleicht nicht eben von Geschmack, Niveau und Kultur, aber ich mag die Komödie "Der Raub der Sabinerinnen" von Franz und Paul Schönthan in der Bearbeitung von Curt Goetz sehr. Das Stück steht und fällt mit der Besetzung des Wandertheaterdirektors Emanuel Striese, der unverkennbar Züge seines Kollegen Vincent Crummles in Charles Dickens' "Nicholas Nickelby" aufweist. Hervorragend waren Fritz Muliar am Theater in der Josefstadt oder Gustav Knuth in der Verfilmung von 1954 - und dem einmaligen Vollblutkomödianten Willi Millowitsch war der Schwank wie auf den Leib geschrieben. Alle zelebrierten geradezu den Höhepunkt des Stücks, den berühmten "Striese-Monolog" am Ende des zweiten Akts:
"STRIESE. Schmierentheater! – Hören Sie, jetzt läuft mir die Galle über! Wissen Sie denn überhaupt, was eine Schmiere ist? Es ist wahr, wir ziehen von einem Ort zum andern; aber mein erhabener Kollege, der Herzog von Meiningen, machte es ja ebenso. – Es ist wahr, daß ich meinen Schauspielern fast gar keine Gage bezahlen kann, aber dafür leisten sie desto mehr. Da ist zum Beispiel mein erster Held – ein früherer Apotheker, – das ist ein Beleuchtungsinspektor, wie Sie ihn suchen können; mit Hilfe einer einzigen Petroleumlampe und einer roten Glasscheibe läßt Ihnen der die Sonne untergehen, daß es Ihnen nur so vor den Augen flimmert. Und dabei das Familienleben unter meinen Leuten! Meine Frau kocht für die ganze Gesellschaft, damit meine Sozietäre sich an Entbehrungen gewöhnen. Der Charakterspieler ist nicht zu stolz, die Kartoffeln zu schälen, und mein Jüngster kann gar nicht einschlafen, wenn nicht der Intrigant, der gute Kerl, ihn vorher eine Stunde lang in der Stube herumträgt. Und wie anhänglich mir die Leute sind. Meine jugendlich-naive Liebhaberin ist nun bald achtzehn Jahre bei mir, sie denkt gar nicht daran, wegzugehen. Und was schließlich meine Frau anbelangt – – nicht nur, daß sie das Kassenwesen besorgt, den Schauspielern die Haare brennt, in der Stadt die Requisiten zusammenborgt und abends die größten Rollen spielt, nein, sie hat trotz dieser Ueberbürdung im Laufe der Jahre noch Zeit gefunden, mich mit einer Schar lieblicher Kinder zu beschenken. Sehen Sie, Herr Doktor, das wird an einer Schmiere geleistet, und ich bin der Direktor! Empfehle mich! Wendet sich zum Abgehen.
Der Vorhang fällt"


"Kuno von Schroffenstein: Weh mir! Ich bin verloren! Schon dringt an mein Ohr das furchtbare Schwerterklirren des feindlichen Heeres!"
Die Abbildung und der dazugehörige Text stammen aus dem Jahr 1862. Sie sind in dem wunderbaren Buch "Der Komödiantenkarren kommt. Von den Wandertheatern in Böhmen" von Lilian Schacherl enthalten. (Kempten 1967) Lilian Schacherl vermittelt kenntnisreich, ungeschminkt und sehr originell viel Wissenswertes über die reisenden "Schmierenkomödianten" vom 17. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert. Vor allem aber klingt immer wieder etwas vom Geist des "Striese-Monologs" durch die Abhandlung, die somit auch viel von der besonderen Atmosphäre der einfachen Wandertheater vergangener Zeiten vermittelt.
Diese Theater zeigten neben Volksstücken, in die, ähnlich wie beim Marionettentheater, häufig eine komische Figur eingebunden war, auch Stücke bekannter Dramatiker. Sehr beliebt waren z.B. Schillers "Räuber" - auch wenn die Inszenierungen solch personalintensiver Vorlagen den kleinen Truppen einiges an Improvisationstalent abverlangten. Überhaupt nahm man es i.d.R. mit der Werktreue nicht so genau: "Da das Stück mit einem Worte zu lang und natürlich kaum auszuhalten ist, so wird heute alles das, was nicht unumgänglich zum Ganzen der Geschichte gehört, wegbleiben; man versichert zugleich, daß alles so eingerichtet ist, damit es sich zuverläßig bis gegen 9 Uhr endigt, ohne daß die Zuschauer etwas an Unterhaltung verlieren werden." (Theaterzettel der Vinzenischen Gesellschaft aus dem Jahr 1784, in Ruth Eder: Theaterzettel, Dortmund 1980, S.79)

Abbildung und nebenstehender Text aus:
Fliegende Blätter No 2635, 26.1.1896, S.46f
"(...)
Da kommen sie her. An der Spitze des Karrens
In scheck'gem Habit kurzweil'gen Hansnarrens,
Den klappernden Klepper an hanfener Strippe,
Ein Lächeln voll Würde auf spöttelnder Lippe,
Im Auge des Stolzes vernichtenden Strahl,
Der hohe Gebieter, ihr Prinzipal.
Zusammengekauert zu seinen Füßen,
Rechts blickend, links nickend mit Handkuß und Grüßen,
Im Schooße ihr Jüngstes, das bildsauber nette,
Die fesche, beliebte, adrette Soubrette.
Den Hut bis zur Braue, dicht neben der Dirne,
Hohläugig, bleichwangig, mit furchiger Stirne,
Ganz hager und mager, kein Haar auf dem Scheitel,
Verbissen, verbittert und doch maßlos eitel,
Als schärfster der Spieler berühmt und bekannt,
In ewigem Weltschmerz: der Intregant.
Doch zuckersüß lächelnd, so schmachtend , so schielend,
Kokett mit dem Fächer von Flitterstoff spielend,
Im fränkischen Reifrock, mit schmächtiger Taille,
Die Lippen wie Kirschen, die Zähne Emaile,
Geschminkt und gepudert, ein Grübchen im Kinn,
Der Stern der Gesellschaft, die Liebhaberin.
Der Held noch, massiv, wie aus Mamor gehauen,
Starkknochig, grobmusklig, ein Günstling der Frauen;
(...)
Und unsagbar rührend von Schuld und von Sühne,
Von flammender Leidenschaft sendenden Gluthen,
Von Neides und Hasses verzehrenden Wuthen,
Von seligster Liebe und brennendem Leide,
Der gaffenden Menge zur Seelenweide,
Wird munter und frisch und höchst ungenirt
Tantièmenfrei aus dem Stegreif tragirt.
Kein Autor, Verleger und keine Agenten,
Nicht Mißgunst scheelsüchtiger Zeitungsskribenten
Verbittert dem armen Director das Leben. (...)"

Sonntag, 15. Juni 2008

Meyerheims übelriechende Sujets

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Der Tier- und Landschaftsmaler Paul Meyerheim (1842-1915) litt bereits zu Lebzeiten ein wenig darunter, dass "die Welt beliebt, den Künstler auf bestimmte Weise festzunageln. So sucht der Kenner von mir am liebsten nur übelriechende Sujets zu erwerben, als da sind: Menagerien, Affen, Löwen, Wilde usw. Aber ich male doch auch gern blumige Landschaften, Bilder mit Alpenluft und Waldesduft, doch diese alle gelten nicht als echte P.M." (Aus meinem Leben, Die Gartenlaube Nr.26, 1905, S.452)

Heute stellen Meyerheims Bilder vom Innenleben der „Tierbuden“ einmalige Zeugnisse dar, die einen realistischen Eindruck vom Geschehen und dem bescheidenen Interieur hinter den vielversprechenden Fassaden großer Menagerien bis hin zum kleinen Hunde- und Affentheater vermitteln.

Besonders fasziniert mich ein erst kürzlich erworbener Stich, der ein anderes Schaubuden-Genre zum Thema hat. Die „Schaustellung wilder Indianer“ zeigt das Innere einer typischen Bude, in der vermeintlich „ungezügelte Wilde“ wilde, rituelle Tänze aufführen. Auf den einfachen Holzbänken des ersten Platzes sowie auf den Stehplätzen dahinter staunt das einfache, offensichtlich ländliche Volk über diesen Einbruch einer ungezügelten, animalischen Exotik (man beachte die bereitliegenden Ketten) in die begrenzte und wohlgeordnete eigene Lebenswirklichkeit. Auch die aus dem Halbdunkel der schlichten Segeltuchbude schemenhaft auftauchenden wild zusammengewürfelten Ausstellungsstücke aus weit entfernt liegenden Ländern sind Teil dieser so einfachen wie beeindruckenden Inszenierung. Der Herr über diese Enklave einer verstörend sinnlichen, fremdartigen und scheinbar primitiven Welt ist der in die Phantasieuniform des weit gereisten Abenteurers gekleidete Schaubudenbesitzer…

(Informationen zur Schaustellung von Menschen aus weit entfernten Erdteilen im Kapitel „Völkerschau“ unter http://www.schaubuden.de/)
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Dienstag, 27. Mai 2008

E.T.A.

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Für E.T.A. Hoffmann (1776-1822) übten die Attraktionen des auf den Jahrmärkten offensichtlich eine große Faszination aus. Die Beschreibung der Kunststücke der Schützlinge eines „Flohbändigers“ im „Meister Floh“ (1822) zeigt, dass es „Flohcircusse“, wenn auch nicht unter dieser Bezeichnung, schon Anfang des 19. Jahrhunderts gab.
Interessant sind auch die Aussagen über Wachsfigurenkabinette in „Die Automate“ von 1814. Die Erzählung belegt, dass in Panoptiken schon damals „Mörder“ und „Spitzbuben“ ausgestellt waren und die Etablissements wohl von jeher eine unheimliche Atmosphäre vermittelten.
Ganz besonders war Hoffmann von Automaten eingenommen, weniger allerdings von den „Tändeleien, wie sie wohl öfters auf Messen und Jahrmärkten gezeigt werden“ (Die Automate), als vielmehr von den erstaunlichen Kunstwerken großer Mechaniker.
Das Automatenthema taucht immer wieder auf, u.a. natürlich im Sandmann. In dieser faszinierenden wie beklemmenden Erzählung geht es um die „Liebe“ des Studenten Nathanael zur „Automatin“ Olimpia.
Die künstlichen Menschen bei E.T.A. Hoffmann waren und sind ein beliebtes Thema für literaturwissenschaftliche Abhandlungen, u.a. auch von Autoren mit marxistischen Ansatzpunkten. (exemplarisch Lienhard Wawrzyn: Der Automaten-Mensch. E.T.A. Hoffmanns Erzählung vom Sandmann. Berlin 1985) Zum Teil scheinen mir solcherlei Interpretationen trotz dogmatischer Herangehensweisen nicht ganz abwegig. Der Automatenmensch ist der „bürgerliche“, „entfremdete“, eben „künstliche“ Mensch mit einem eingeschränkten Verständnis von „Wirklichkeit“ bzw. einer beschränkten Sicht auf die Welt:
„Ach diese zauberhaften Entzauberer, diese liebenswerten Entwerter der Liebe, sie sind ja Gespenster, und doch Alltagswesen, langbeinig und mit Wimpernprothesen, und selbstverständlich physisch vollkommen, und selbstverständlich aufgeklärt.- Noch keine Berufsfeministinnen, das macht den Vorzug wie auch den Nachteil ihres Charmes. Sie sind Erzeuger der Sehnsucht nach etwas, das sie ihrem Wesen nach nicht sind, auch darin repräsentieren sie (…) einen Zug nicht nur des Bürgertums. – Idealinkarnationen der praktischen Vernunft, aber denkt man sie zu Ende, heißt ihre Königin Olimpia. – Die Gesellschaft der Programmierten. – Doch nicht die Automatin ist das Schauerliche, sondern dass sich einer bis zum Wahnsinn in sie verliebt.
Freilich: Er braucht dazu eine besondere Brille.“

(Franz Fühmann: Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E.T.A. Hoffmann. München 1984, S.104)
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Freitag, 23. Mai 2008

Pardauz!

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Obwohl sie sehr einfach gestaltet sind, zählen die über 100 Jahre alten Ankündigungszettel reisender Marionettentheater zu den interessantesten Stücken meiner kleinen Sammlung.
Im 19. Jahrhundert boten zahlreiche Marionettenspieler vor allem einem ländlichen Publikum Abwechslung im oftmals eintönigen Alltag. Gespielt wurde vornehmlich in Gasthaussälen.
Star des Ensembles war stets die triebbestimmte, verfressene, teils anarchistische Gestalt des Kaspers, eine durchaus widersprüchliche Figur, die gleichermaßen kindlich-naiv und gerissenen sowie furchtlos und feige sein konnte – eine Identifikationsfigur des Publikums eben.

Ausschnitt eines Zettel von Max Dreyßigs Marionettentheater; Sammlung Nagel
Der Kasper machte auch aus tragischen, hochdramatischen Stoffen ein Lustspiel.
„Kasper wird als Räuber den geehrten Theaterfreunden einen heiteren und fröhlichen Abend bereiten.“


Selbstverständlich spielte er auch im sehr verbreiteten Ritterschauspiel „Genoveva, die Pfalzgräfin vom Rhein oder Sieben Jahre unschuldig verstoßen in der Wildnis“ eine tragende Rolle:
„Da war unter den Dienern auf der Burg einer im gelben Nankinganzug, der hieß Kasperl. Wenn dieser Bursche nicht lebendig war, so war noch niemals etwas lebendig gewesen; er machte die ungeheuersten Witze, so dass der ganze Saal vor Lachen bebte; (…).“


Sammlung Nagel
Theodor Storms „Pole Poppenspäler“ ist ein wunderbares literarisches Zeugnis dieser einst sehr verbreiteten populären Kultur. Hier wird auch beschrieben, wie der Kasper in das ebenfalls sehr beliebte Faust-Stück eingeführt wurde:
„Ein hochgewölbtes gotisches Zimmer zeigte sich. Vor einem aufgeschlagenen Folianten saß im langen schwarzen Talar der Doktor Faust und klagte bitter, dass ihm all seine Gelehrsamkeit so wenig einbringe; keinen heilen Rock habe er mehr am Leibe und vor Schulden wisse er sich nicht zu lassen; so wolle er denn jetzo mit der Hölle sich verbinden. – ‚Wer ruft nach mir?’ ertönte zu seiner Linken eine furchtbare Stimme von der Wölbung des Gemaches herab. ‚Faust, Faust, folge nicht!’ kam eine andere, feine Stimme von der Rechten. – Aber Faust verschwor sich den höllischen Gewalten. – ‚Weh, weh deiner armen Seele!’ Wie ein seufzender Windeshauch klang es von der Stimme des Engels; von der Linken schallte eine gellende Lache durchs Gemach. – Da klopfte es an die Tür. ‚Verzeihung, Euere Magnifizenz!’ Fausts Famulus Wagner war eingetreten. Er bat, ihm für die grobe Hausarbeit die Annahme eines Gehilfen zu gestatten, damit er sich besser aufs Studieren legen könne. ‚Es hat sich’, sagte er, ‚ein junger Mann bei mir gemeldet, welcher Kasperl heißt und gar fürtreffliche Qualitäten zu besitzen scheint.’ – Faust nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte: ‚Sehr wohl, lieber Wagner, diese Bitte sei euch gewährt.’ (…) ‚Pardauz!’ rief es; und da war er. Mit einem Satz kam er auf die Bühne gesprungen, dass ihm das Felleisen auf dem Buckel hüpfte.“
Am Ende des Stückes, bevor Gretel und Kasper den traditionellen Kehraus tanzen, wird Faust unter Feuerregen und Donnergrollen von Teufeln in die Höhle gezehrt. In diesem letzten Aufzug hat Kasper eine neue Rolle:
„Endlich ist die Frist verstrichen. Faust und Kasper sind beide wieder in ihrer Vaterstadt. Kasper ist Nachtwächter geworden; er geht durch die dunklen Straßen und ruft die Stunden ab:
‚Hört ihr Herrn, und lasst euch sagen,
Meine Frau hat mich geschlagen;
Hüt’t euch vor dem Weiberrock!
Zwölf ist der Klock! Zwölf ist der Klock!’
Von fern hört man die Glocke Mitternacht schlagen. Da wankt Faust auf die Bühne; er versucht zu beten, aber nur Heulen und Zähneklappern tönt aus seinem Halse. Von oben ruft eine Donnerstimme:
‚Fauste, Fauste, in aeternum damnatus es!’“



Die verbliebenen reisenden Marionettentheater präsentieren fast ausschließlich nur noch Märchenstücke für Kinder, wobei allerdings die Figur des Kaspers in altbewährter Manier eingebunden wird. Einige Puppenspieler der verbreiteten Sperlich-Sippe zeigen noch solches Puppentheater, zum Teil sehr gut gespielt. Die besten Aufführungen erlebte ich 1990 im Zelt-Marionettentheater von Siegfried Pandel, der im Anschluss an das Hauptstück wie alle besseren Spieler noch Varieté- oder Kunstmarionetten zeigte, die eine besondere Kunstfertigkeit des Puppenspielers verlangen.
Die alten Stücke sind allenfalls noch auf Kulturveranstaltungen und Festivals zu sehen. Besondere Verdienste hat sich hier das Traditionelle Marionettentheater Dombrowsky erworben (http://www.dombrowsky-marionetten.de/). Nachfahren der alten Marionettenspielerfamilie Bille zeigen zumindest noch den Faust (http://www.marionettentheater-bille.de/).
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Donnerstag, 22. Mai 2008

Jahrmarktstheater Comagnia Buffo

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In diesem Jahr bestreitet der ungemein wandlungsfähige und ausdruckstarke Ausnahme-Komödiant Willi Lieverscheidt leider nur ein Solo-Programm mit Stücken von Dario Fo.
Das ist natürlich sehenswert, aber ein theatralisches Ereignis wie die vorangegangenen Zelt-Produktionen der Compagnia Buffo ist das nicht mehr. Auf der Webseite http://www.compagnia-buffo.de/ werden noch einige der vergangenen Programme vorgestellt (www.compagnia-buffo.de/Programm.htm), da kann man ein wenig wehmütig werden:
„COMPAGNIA BUFFO greift in der theatralischen Umsetzung auf das volkstümliche Theater zurück und setzt Opera Buffo, Puppenspiel, Maskenspiel, Zauberei, Schattentheater, Schwarzes Theater, Stummfilm, Pantomime und Klangkörpererfindungen in Szene. Das Zelt-Theater-Spektakel der COMAGNIA BUFFO ist weit davon entfernt nur Jahrmarktsklamauk zu sein - poetisch und derb, entrückt und bodennah, schauerlich und rührend zugleich sprudeln ihre verrückten Phantasien. Im Detail immer wieder sehr zart gewebt, ohne Einbußen der Kindsköpfigkeit und des Blödsinns.“

Hoffentlich bleibt die Zelttournee mit einer Solo-Produktion nur eine Episode! Willi Lieverscheidt scheint jedenfalls wenig optimistisch zu sein. "An ein großes Revival des Zelttheaters glaubt er nicht. 'Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen der Idealismus.'" (Westfälische Nachrichten vom 16.5.2008)
Man merkt das auch am Publikum, dass sehr viel älter ist als das vornehmlich studentische früherer Jahre. Viele sind wie ich alte Fans der Compagnia. Auch wenn man weiterhin in Universitätsstädten spielt, die Kinder der "Generation Golf" haben zum großen Teil offensichtlich andere Interessen...
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Freitag, 16. Mai 2008

Sammlerfreuden

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Das Ausmaß dieser Freude können nur Sammler verstehen: Nach jahrelangem Suchen konnte ich endlich einen Führer eines der letzten reisenden Panoptiken aus den 1950er Jahren erstehen. Obwohl ich zahlreiche "Cataloge" von Wachsfigurenkabinetten weit älteren Datums besitze, stellt dieses Exemplar etwas Besonderes für mich dar.

Hoppes Panoptikum "Der Mensch in gesunden und in kranken Tagen" war eine reine anatomisch-pathologische Schau, umfasste also nicht auch Wachsfiguren von Berühmtheiten, "Verbrechergalerien", Kuriositäten, Reliquien, Naturkundliches usw.

Solche "Aufklärungsschauen" oder auch entsprechende Abteilungen in herkömmlichen Panoptiken boten - wie heute "google" - hypochondrisch veranlagten Menschen zahlreiche Möglichkeiten zur Selbstdiagnose ihrer diversen Wehwehchen, so zum Beispiel der hier abgebildete "Schmerzensmann: "Was könnte es sein? Eine Schädigung oder Entzündung? - Bitte, drücken Sie auf die am Torso angebrachten Druckknöpfe, an die Stelle, wo es bei ihnen weh tut. An den Leuchttafeln (...) wird das Organ aufleuchten, das ihnen evtl. Beschwerden verursacht."
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Mittwoch, 14. Mai 2008

Ich sehe 'was, ...

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Schön, dass (wenigstens) sie noch manchmal auf Jahrmärkten anzutreffen sind, die Wahrsagerinnen und Wahrsager.

Die Wahrsagerei – meist handelt es sich um Handlinienlesen - bedarf dabei einer gewissen Befähigung: Naiven bzw. leichtgläubigen Gemütern muss der Eindruck erweckt werden, dass tatsächlich genau ihre Lebensumstände, Ängste und Wünsche durchschaut werden und ein Blick in die Zukunft möglich ist – den anderen muss zumindest eine gute Show geboten werden.

Eines der Bilder zeigt den Wagen der Wahrsagerin „Medusa“. "Medusa" heißt mit Nachnamen Lagrin-Lemoine – zwei alte Komödiantennamen. Viele Lemoines sind heute als Schausteller auf Jahrmärkten tätig, u.a. mit einer der letzten Boxbuden. Andere betreiben eine Auto-Stunt-Show. Auch der bekannte Comedy-Jongleur Patrick Lemoine entstammt dieser Familie ehemaliger Hochseilartisten.
Lagrin wiederum sind Komödianten, die verwandtschaftliche Beziehungen zu „Zigeunern“ haben. Letzteren wurden „wahrsagerische Fähigkeiten“ schon immer nachgesagt. Weitergegeben wurden und werden allerdings nicht solcherart Begabungen, sondern die Kunst, diese vorzutäuschen…
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Auch die Wahrsagerin "Odessa" (Monika Traber) entstammt einem alten Komödiantengeschlecht.
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Montag, 5. Mai 2008

Komödianten

Souvenirkarte 1936, Sammlung Nagel

Karl von Holteis Schilderungen der Gepflogenheiten fahrender Unterhaltungskünstler aus der Mitte des 19. Jahrhunderts haben über weite Strecken bis in unsere Tage Gültigkeit: Er wurde wider seinen Willen eingeweiht in Privatverhältnisse unzähliger Familien, Truppen, Gesellschaften, Banden, Unternehmungen, die, auf Neugier, Torheit, Leichtgläubigkeit oder Vergnügungssucht der Menschen spekulierend, seit Menschengedenken vom Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter forterbend, die Welt durchstreifen, und allüberall, wo sie sich begegnen, neben dem giftigsten Brotneid doch stets einige gegenseitige Rücksichten, Gefälligkeiten, Aushilfen und sogar Freundschaft für einander haben und üben." (aus "Die Vagabunden)

Sie sind ein eigenwilliges Völkchen und ein sehr lebendiger, liebenswerter Anachronismus - die Komödianten. Irgendwie will dieses „Fahrende Volk“ nicht so recht in unsere moderne Welt passen – nicht sesshaft, ganz eigenen Regeln und Traditionen verpflichtet und einem ausgeprägten Familien- und Gemeinschaftssinn verbunden.
Viele „Eigenarten“ „der“ Komödianten können Leuten von „Privat“ schnell aufstoßen – besonders wenn sie allzu naive und romantisierende Vorstellungen vom Leben der „Gaukler“ haben. Man muss sie zu nehmen wissen und immer eine gewisse Distanz bewahren – die die Leute von „die Reise“ auch zu uns „Privaten“ oder „Bauern“ gegenüber oft einhalten.
Andererseits ist gerade das Fortbestehen dieser Eigentümlichkeiten einer der vielen faszinierenden Aspekte der Reisenden – die unserer modernen bürgerlichen Gesellschaft so fremd, fast unwirklich scheinen.

Komödianten sind seit vielen Generationen reisende Unterhaltungskünstler, die verschiedenen Sippen angehören.
Da Komödianten i.d.R. Komödianten heiraten, bestehen weit verzweigte verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den einzelnen Familien.
Früher traten viele Komödianten als Artisten auf Marktplätzen vor allem zur Jahrmarktzeit auf, teils „publik“ unter freiem Himmel, teils in Schaubuden.
Andere Familien traten vor allem als Hochseilläufer in Erscheinung, die über den Marktplätzen kleiner Städte ihr Seil spannten.
Im Winter spielten viele Komödianten zum Tanz auf ländlichen Festen auf, einige zeigten auch derbe Dramen und Lustspiele in Gasthaussälen.
Puppentheater von Heiko Maatz 2007

Ein weiteres verbreitetes Betätigungsfeld war das Puppenspiel, wobei unterschieden werden muss zwischen dem oft sehr anspruchsvollen Marionettenspiel und dem Handpuppen-Spiel auf Jahrmärkten.
Auch heute noch treten Nachfahren einiger weniger der einst regional sehr bekannten Marionettenspielerfamilien auf. Verbreiteter ist allerdings das einfachere Handpuppenspiel. Bekannte Puppenspieler-Familien sind u.a. Maatz, Richter oder Bille.

Viele der Familien, die früher als Hochseilartisten sehr bekannt waren, betreiben heute Auto-Rodeos (z.B. Bossle) oder Circusse (z.B. Nock oder Stey). Trotzdem bestehen noch einige dieser Truppen, neben dem berühmten Namen „Traber“ sind u.a. auch noch Neigert, Weisheit und Bügler im Hochseilgeschäft.
Auch auf Jahrmärkten findet man vor allem kleine und mittelgroße Geschäfte von Komödianten.

Die eigentliche Domäne der Komödianten ist jedoch der Familiencircus, es gibt kaum einen der Komödiantennamen der unter den vielen hundert Circussen in Deutschland nicht vertreten ist. Einige Namen tauchen gleich dutzendfach auf, besonders viele Circusse werden von Mitgliedern der Familien Frank, Spindler und Sperlich betrieben.

Früher spielten sie zumeist publik in „Arenen“, später in Einmastzelten, die man heute nur noch selten vorfindet. Die meisten Circusse verfügen heute über Zwei- oder Viermastzelte. Die Bandbreite reicht dabei weiterhin von Kleinstcircussen mit einer Handvoll Familienangehöriger, über die vielen typischen Familiencircusse bis hin zu Unternehmen, die engagierte Artisten im Programm haben. Einige Komödianten präsentieren regelrechte „Großcircusse“, wobei bestimmte Formen des Auftretens nicht immer so ganz mit dem Anspruch, großen, „seriösen“ Circus zu bieten, im Einklang stehen…

Heidi Spindler, Circus Aramannt 1993

Während die anderen Namen auch in vielen weiteren Bereichen des ambulanten Unterhaltungsgewerbes auftauchen, sind die Franks in besonderer Weise dem Circusgeschäft verbunden. Sie gelten als hervorragende Dresseure und zum Teil auch Musiker. Dabei versprühen sie allerdings oft einen besonderen „herben bis derben Charme“, der sich nicht jedem mitteilt …
Es soll nicht verschwiegen werden, dass es unter den „Komödiantencircussen“ einige gibt, die wegen ihres „Geschäftsgebarens“ und anderer unschöner Machenschaften dem Ruf der Branche sehr schaden. Daneben gibt es aber viele kleine Circusse alter Komödiantenfamilien, die mit Hingabe begeisternden Circus machen, einige sind hier aufgeführt: http://www.chapiteau.de/feinekleine.htm Jonny Casselly ist hierbei z. Zt. auch mein Favorit.




Samstag, 19. April 2008

Schaubusenbesitzerinnen und Gorillagirls

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Der James Bond Film „Diamantenfieber“ von 1965 mit Sean Connery gewährt interessante Einblicke zum Thema „Schaubuden“.
Gemeint ist hier nicht die überaus reizvolle Plenty O’Toole (Lana Wood), die von einer Konkurrentin sehr zutreffend als „Schaubusenbesitzerin“ tituliert wird, sondern eine Szene, die in einer „Zambora-Bude“ spielt.
Die „Zambora Girl to Gorilla-Show“ ist ein recht plumper, aber wirkungsvoller Klassiker unter den Verwandlungsshows auf Jahrmärkten: Eine junge Frau verwandelt sich vor den Augen des Publikums in einen Gorilla, dessen Gefährlichkeit vom Rekommandeur zuvor in dramatischer Weise herausgestellt wird. Natürlich gelingt es der Bestie nach der Verwandlung die „unter Strom“ stehenden Eisenstäbe niederzureißen… Im Film nutzt eine Verdächtige den hierbei stets entstehenden Tumult, um unterzutauchen.
In meiner frühen Jugend sah ich noch eine solche Zambora-Show auf der Kirmes in Meschede. Ich kann mich erinnern, dass ich ein wenig enttäuscht wegen der nicht zutreffenden Behauptung war, dass sich ein schönes Mädchen in einen hässlichen Gorilla verwandeln würde. Tatsächlich war es eher umgekehrt … :)
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Die Bezeichnung "Monkey-Woman", "Gorilla-Girl" oder hierzulande auch "Affenweib" umfasste nicht nur diese ehedem recht verbreitete Illusionsshow, auch Frauen mit starker Körperbehaarung wurden so tituliert.
Tatsächlich war die Behaarung vieler "Haarmenschen" allerdings nicht ganz so ausgeprägt wie es die Werbung glauben machen wollte. Im Falle solcher sich beim Betreten der Bude als weniger spektakulär herausstellender Attraktionen wurden diese oftmals durch zusätzliche Darbietungen oder Exponate aufgewertet, so wie zum Beispiel durch die Schaustellung einer "Riesenschlange".
Souvenirkarte, Sammlung Nagel
Andererseits gab es Menschen, die infolge einer genetischen Störung tatsächlich starke, an ein Tierfell erinnernde Überbehaarung aufwiesen und zu wahren Stars im Schaugeschäft wurden. Der bekannteste unter ihnen war "Lionel, der Löwenmensch". Auch Julia Pastrana wies am ganzen Körper eine starke Behaarung auf, außerdem hatte im Gegensatz zu vielen anderen "Affenweibern" ihre Physiognomie affenähnliche Züge. Nähere Informationen über "Haar- und Tiermenschen" finden sich im Kapitel "Abnormitäten" unter www.schaubuden.de.


Mittwoch, 16. April 2008

Fellinis Casanova

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Fellinis Casanova ist einer der Filme des großen Regisseurs, die bei Kritikern und Kinobesuchern keinen ungeteilten Beifall fanden.
Man merkt dem Film stellenweise deutlich an, dass er keine Herzensangelegenheit Fellinis war - und dass er den berühmten Schürzenjäger eingestandenermaßen nicht mochte. Die daraus resultierende faszinierende Darstellung oder Demaskierung Casanovas als bemitleidenswertes Opfer seines Selbst-, Wunsch- und Fremdbildes gleichermaßen macht andererseits die Stärke dieses Filmes in vielen beeindruckenden Szenen aus. In Anbetracht der Biographie des Regisseurs darf vermutet werden, dass sich hinter dieser Darstellung auch ein Stück kritischer Selbstbeschau verbirgt…

Fellinis Casanova am Lebensabend
(c) Stefan Nagel

Fellini wäre nicht Fellini, wenn nicht auch in diesem Film seine Lieblingsthemen auftauchen würde: Eine wichtige Frauenfigur im Film ist die Riesin Angelina, Attraktion auf einem der Londoner Frostjahrmärkte.
Gespielt wurde Angelina von einer wirklichen Riesin: Sandy Allen ist mit 2,32m die größte lebende Frau.
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Dienstag, 15. April 2008

Meerweib

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Diese "Meerjungfrau" ist nach dem "Marsweib" mein zweiter Schaubudenaushang im Stil einfacher amerikanischer Sideshow-Banner. Die Idee, mich dabei an Boticellis "Geburt der Venus" zu orientieren, hielt ich ursprünglich für sehr originell. Allerdings musste ich bei der Google-Recherche für diesen Beitrag feststellen, dass mir da jemand zuvorgekommen ist - der noch dazu viel besser malen kann: http://www.memoryelixir.com/sideshow/mermaid.html

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"Meer- bzw. Seejungfrauen" oder "Fischweiber" waren weit verbreitete Schaubudenattraktionen. Häufig handelte es sich um Präparate aus dem Oberteil eines Affen und einem Fischschwanz, wie sie sich bereits in Wunderkammern gelehrter Aristokraten und Großbürger des 17. und 18. Jahrhunderts befanden. Große Bekanntheit erreichte "The Feejee Mermaid", die "König Humbug", P.T. Barnum, Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Kuriositätenmuseum ausstellte. (http://www.lostmuseum.cuny.edu/barnum.html)
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Wurde eine "Meerjungfrau" mit dem Attribut "lebend" angekündigt, so wurde in der Regel eine Robbe in einem Bassin gezeigt.
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Den Erwartungen der männlichen Schaubudenbesucher an die Schaustellung eines "Meerweibs" werden dagegen Illusionsbuden eher entsprochen haben, die oft in sehr plumper Weise Mädchen in entsprechender Kostümierung zeigten. Mitunter wurde dabei mittels Drehscheiben und Spiegeln der Eindruck eines im Wasser schwimmenden Fabelwesens erweckt.
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Donnerstag, 27. März 2008

Reliquien

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Gebrauchsgegenstände aus dem Besitz berühmter Menschen waren besonders kuriose Ausstellungsobjekte in den Panoptiken früherer Zeiten. So wurden oftmals den Wachsnachbildungen berüchtigter Verbrecher die vermeintlichen „Original-Tatwerkzeuge“ beigegeben. Am tollsten trieb es der Panoptikumsbesitzer Präuscher in seinem Etablissement im Wiener Prater, der es wie kein anderer verstand, allerlei Alltagsgegenständen unter Hinzufügung „amtlicher Echtheitszertifikate“ zu ganz neuer Bedeutung zu verhelfen. So gab es zum Beispiel die Pantoffeln und den Kochtiegel einer Giftmischerin oder die Manschettenknöpfe eines Sittlichkeitsverbrechers zu bestaunen.
Die Gebrüder Castan standen Präuscher kaum nach, sie zeigten in ihrem Berliner Panoptikum u.a. ein Glas, aus welchem der Kotzebue-Mörder Sand „den letzten Trunk vor seiner Hinrichting that“. (Mehr dazu unter im Kapitel „Panoptikum“ unter http://www.schaubuden.de/.)

Karl Valentin persiflierte diesen Reliquien-Kult in seinem Panoptikum, indem er z.B. den Nagel präsentierte, an den er seinen Beruf hängte, um Volkssänger zu werden. Andere Exponate, die u.a. ebenfalls heute noch im wunderbaren "Valentin-Musäum" in München (www.valentin-musaeum.de/) bewundert werden können, sind ein Telefonapparat, „durch welchen Buchbinder Wanninger mit der Firma Meisl u. Compagnie sprach“ oder der „Der Stein, auf dem Mariechen saß“.

„Reliquien“ gibt es aber auch noch in Museen zu bestaunen. So präsentiert das Hamburger Stadtmuseum den abgebildeten Schlüssel hinter Glas. Es handelt sich um den Schlüssel zum Nebeneingang des Hamburger Star-Clubs, in dem die Beatles ihren Durchbruch schafften – der „Schlüssel zum Erfolg“ gewissermaßen …
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Samstag, 22. März 2008

La Strada


Abb. aus einer Zeitschrift von 1897, Sammlung Nagel

Im bürgerlichen Verständnis hat es etwas „Romantisches“, das Leben als Straßenkünstler. „Romantisch“ nach dieser landläufigen Auffassung wird das Leben der Gaukler, die sich früher häufig und heute selten auf Straßen und Marktplätzen produzier(t)en, in wenigen Augenblicken (gewesen) sein, auch wenn sich durchaus einige aus „Freiheitsliebe“ für so ein Leben entschieden.
La Strada - Szenenbild in "Das neue Filmprogramm", Mitte 1950er Jahre
Trotzdem übt diese Kunst der Straße eine besondere Faszination aus, die besonders hervorscheint, wenn sie ungeschminkt vermittelt wird - so wie in dem großartigen Film „La Strada“ von Federico Fellini um den Kraftakrobaten Zampano, seine Gehilfin Gelsomina und den Hochseilläufer Matto.


Eine sehr lebendige und vielfältige Straßenkünstlerszene gab es in den 70er und 80er Jahren in Paris. Einer der Künstler war der „Automatenmensch“ „Gilbert“, der heute vor allem auf (nostalgischen) Veranstaltungen in Deutschland auftritt. (www.saltimbanque.de) Gilbert weiß vieles von dieser faszinierenden Gesellschaft aus Musikern, Kettensprengern, Equlilibristen, Feuerschluckern, Jongleuren, Fakiren, Automatenmenschen, Taschenspielern und Kleintierdresseuren zu berichten – aber auch von den großen Behinderungen durch die Obrigkeit.

Taschenspieler in Bremen, Oktober 2008
Heutige Einkaufszonen mit ihrem langweiligen Einerlei aus Klamotten- und Handyketten, Billig- und Dönerläden würden durch akrobatische Kleinkunst eine echte Bereicherung erfahren. Leider ist sie recht rar geworden, dafür bieten aber oftmals sehr gute Musiker aus Osteuropa ein wenig Abwechslung.
 








Montag, 17. März 2008

Lyrische Fleischbeschau


"(...) Seht diese Frau:das Riesenweib Amanda
Das schönste Rätsel der Natur genannt!
Ihr Körperbau, der keiner Propaganda
Bedarf, paart sich mit Geisteskraft frappant:
Amanda ist die schwerste Somnambule
Sowohl der alten und der neuen Welt, (...)"
(Aus einer Ausgabe der "Jugend" von 1888, Sammlung Nagel)



Das Interesse an den zahlreichen "Riesendamen" in Jahrmarktsschaubuden der Jahrzehnte um die vorletzte Jahrhundertwende dürfte oftmals erotischer Natur gewesen sein. Folgerichtig bestand das Publikum vorwiegend aus Männern, und nicht selten werden erotische Phantasien den Anstoß zur "Fleischbeschau" in den Buden gegeben haben.

"Und ich bin die schöne Wally,
zu Zürich in der Schweiz geboren.
Ick wieje 867 Pfund.

Soeben wird ein Kavalier
auf meinen Busen steigen.
Aba nur anständig,
meine Herren!"

(Text und Zeichnung von Heinrich Zille) (1)



Joachim Ringelnatz setzte den Riesendamen ein literarisches Denkmal:

Die Riesendame der Oktoberwiese
Die Zeltwand spaltete sich weit,
Und eine ungeheure Glocke wuchtete Herein.
"Emmy, das größte Wunder unsrer Zeit!"
Dort, wo der Hängerock am Halse buchtete,
Dort bot sich triefenden Quartanerlüsten
Die Lavamasse von alpinen Brüsten,
Die majestätisch auseinanderfloß.
"Emmy, der weibliche Koloß."
Hilflose Vorderschinken hingen
Herunter, die in Würstchen übergingen.
Und als sie langsam wendete: - Oho! -
Da zeigte sich der Vollbegriff Popo
In schweren erzgegoßnen Wolkenmassen.
"Nicht anfassen!"
Und flüchtig unter hochgerafften Segeln
Sah man der Oberschenkel Säulenpracht.
Da war es aus. Da wurde gell gelacht.
Ich wußte jeden Witz zu überflegeln,
Und jeder Beifall stärkte meinen Schwung.
Die Dicke schwieg. Ich gab die Vorstellung.

Besonders lachten selbst recht runde Leute.
Ich wartete, bis sich das Volk zerstreute.

Nacht war es worden. Emmy ließ sich dort,
Wo sie gestanden, dumpf zum Nachtmahl nieder.
Sie schlang mit Gier, doch regte kaum die Glieder.
"Sag, Emmy, würdest du ein gutes Wort,
Das keinen Witz und keine Neugier hat,
Von Einem, der dich tief betrauert, hören?"
Sie sah nicht auf. Sie nickte kurz und matt:
"Nur zu ! Beim Essen kann mich gar nichts stören."

"Emmy! Du armes Wunderwerk der Zeit!
Du trittst dich selbst mit ordinären Reden,
Mit eingelerntem hohlen Vortrag breit.
Du läßt die schlimme Waffe deines Fettes
Von jedem Buben, jeder Dirne kneten.
Man kann den Scherz vom Umfang deines Bettes,
Der Badewanne bis zum Ekel spinnen.
Und so tat ich. Und konnte nicht von hinnen.
Ich dachte mich beschämt in dich hinein.
Es müßte doch in dir, in deinem Leben
Sich irgendwo das Schmerzgefühl ergeben:
Ein Dasein lang nicht Mensch noch Tier zu sein."
Hier hielt ich inne, dachte zaghaft nach.
Bis ein Geräusch am Eingang unterbrach.

Es nahte sich mit wohlgebornen Schritten
Der Elefant vom Nachbarzelt
Und sagte: "Emmy, schwerste Frau der Welt,
Darf ich um einen kleinen Beischlaf bitten?"

Diskret entweichend konnte ich noch hören:
"Nur zu! Beim Essen kann mich gar nichts stören." (2)


André Heller schrieb ein wortgewaltiges Lied über eine Obsession -

Miruna, die Riesin aus Göteborg
(...)
Die war's,

Die Vater am meisten begehrte.
In seinem Nachlass fand ich Schatullen
Voll der Affichen und Photographien.
Nächtebücher tragischer Jauchzer,
Die Iventur seiner Träume.

Zöpfe, wie schmale Weidenstämme
Hände, wie große Tschinellen
Brüste, wie seltene Zwillingsschwämme
Achselhöhlen, wie Antoniuskapellen.
Das hat er in seiner verkrochenen Schrift
Unter "ICH WÜNSCHE", notiert
Und sich, so wie ich ihn kannte,
Dafür tagtäglich geniert.

Vater, ich bete,
Dass sich Dein Wünschen
In Deiner nächsten Verwandlung erfüllt,
Auf dass dich die Königin der Riesen
An ihren weißen Schwämmen stillt.
Wenn ich die Augen schließe,
Seh ich's schon ganz genau:
Du mein missratener Vater
Mit Deiner gelungenen Frau.
Ich nähe euch Hochzeitskleider
Um die frierenden Seelen herum
In der erlösten Landschaft
Riecht der Südwind nach
Gummi Arabicum. (3)


(1) Gerhard Flügge: Das dicke Zillebuch. Berlin 1971
(2) Joachim Ringelnatz - Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Berlin 1983
(3) André Heller: Verwunschen (LP). Mandragora 1980


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Sonntag, 9. März 2008

Kirmeskunst






























Die Fassaden von Kirmesgeschäften sind häufig sehr interessant und wirkungsvoll gestaltet, heutzutage (leider) meist in Spritztechnik. Alte Malereien findet man selten. Die Beanspruchungen durch das ständige Auf- und Abbauen und Witterungseinflüsse erfordern oft neue Anstriche, der wechselnde Publikumsgeschmack und die Kurzlebigkeit vieler Geschäfte tun ein Übriges dazu. Umso schöner, wenn ein Schausteller ein altes Schätzchen samt Malereien erhält. Ein besonders schönes Beispiel für ansprechende Fassadenmalerei ist das hier abgebildete Geschäft des Schaustellers Fellerhoff mit "Rollenden Tonnen".
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Samstag, 1. März 2008

Himmelreicher


Seiltänzler Knie! Wenn de fällscht, bischte hi!“
Ja, das könnt euch so passe! Da drauf wart ihr ja bloß! Aber damit is nix! Was en echter Seiltänzler is, stirbt im Bett!!“ (Carl Zuckmayer, Katharina Knie)


Holzschnitt von Edmund Schaefer-Osterhold, Sammlung Nagel

In den frühen 1970er Jahren kamen sie noch in unser Dorf: Die „Trabers“, wie wir alle Hochseiltruppen nannten. Das Seil wurde von einem Mast hoch zum Kirchturm gespannt, war also ein typisches schräges „Turmseil“. Die dem abendlichen Himmel entgegen schreitenden Artisten bilden eines der Bilder meiner Kindheit, die sich fest in meine Erinnerung eingebrannt haben. Vor dem lautstark angekündigten Höhepunkt der Vorstellung, der Motorradfahrt mit Produktionen auf dem unter der Maschine angebrachten Haltetrapez, gingen die bunt berockten Frauen unter den zahlreich zusammengekommenen Dorfbewohnern sammeln. Währenddessen versäumte es die Stimme aus dem Lautsprecher selbstverständlich nicht, darauf hinzuweisen, dass aufgrund der Gefährlichkeit der Darbietungen keine Versicherung bereit sei, die todesmutigen Artisten aufzunehmen.

Souvenirkarte der Oskani-Truppe, 1960er Jahre


Der Lauf auf dem Schrägseil ist kräftezehrend und die Arbeit auf einem waagerecht angebrachten Hochseil ermöglicht ein größeres Trick-Repertoire. Arenen, die solche Produktionen zeigten, sind die Keimzelle nicht weniger populärer Circusse und das Hochseil gehört neben dem Flugtrapez zu den Klassikern unter den akrobatischen Höhepunkten großer traditioneller Circusprogramme.

Durch herausragende Leistungen konnten viele Seiltänzer regionale Bekanntheit erlangen und sich somit eines guten Zuspruchs gewiss sein. Wilhelm Kolter war sogar im gesamten deutschen Sprachraum eine Berühmtheit, die nicht zuletzt von seiner geschickten „Vermarktung“ durch geschickt gestreute Anekdoten herrührte. Die bekannteste dieser Geschichten findet Erwähnung in Fontanes Novelle „Unterm Birnbaum“.
Einer internationalen Öffentlichkeit wussten und wissen sich die Stars der Szene durch spektakuläre Überquerungen ins Bewusstsein zu rufen. So ist Blondin, „der Bezwinger der Niagara-Fälle“, bis heute vielen ein Begriff; und in unseren Tagen sind es u.a. Freddy Nock, Falko Traber und Nik Wallenda, die weltweit für Aufsehen sorgen.

Jenseits solch spektakulärer Aktionen bilden Engagements auf Großveranstaltungen das hauptsächliche Geschäft der meisten verbliebenen unter freiem Himmel arbeitenden Truppen, die ihre Seile mit Ausnahme der Oskani-Truppe schon lange nicht mehr regelmäßig über Dorf- und Marktplätze spannen. Die klangvollen Namen, die für diese ursprüngliche Form der Publik-Artistik stehen, sind jedoch die alten, darunter Bügler, Neigert, Nock, Stey, Traber, Wallenda und Weisheit. Der Hang zum Risiko scheint diesen „Komödianten“ „im Blut“ zu liegen: Viele Auto-Stuntshows haben ihre Wurzeln in Bereich der Hochseilartistik, darunter „Bossles Teufelskerle“.


Der Seiltanz tauchte schon früh als Thema in der Literatur auf. Der unbekannte Verfasser des „Till Eulenspiegel“ stellte Anfang des 16. Jahrhunderts seinen „Helden“ als Narren und Seiltänzer dar und spiegelte damit die Tatsache, dass sich seinerzeit in der Figur des „niederen Spielmanns“ Narr, Akrobat und Musiker häufig vereinten.

kolorierter Kupferstich um 1900, Sammlung Nagel

Goethe zeichnete in seinem „Wilhelm Meister“ ein wenig schmeichelhaftes, aber recht anschauliches Bild einer Seiltänzergesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts.
Carl Zuckmayer setzte den fahrenden Truppen mit seinem „Seiltänzerstück“ „Katharina Knie“ in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts hingegen ein recht volkstümliches literarisches Denkmal. Die in folgendem Zitat vorscheinende verbreitete Vermutung über die Herkunft bzw. ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Himmelreicher“ mag so nicht stimmen, schön ist die Textstelle allemal:
(…) weißt du, Mädche – ich hab oft gedacht, wanns ma so nachts enauf guckt bei der Vorstellung un sieht ein aufm hohe Seil gehen: Der geht ja grad von Stern zu Stern (…) – un weißt du, wie sie uns früher genannt hawwe, unser Zunft – vor fünf-, sechshundert Jahr erum? Die Himmelreichmänner hawwe se uns damals geheiße! Vielleicht hawwe se wirklich geglaubt, daß unsereins leichter nuffkommt wie andere Leut. Aber mir komme ja auch rascher runner (…)“

Das Bild des auf dünnem Seil balancierenden Seiltänzers war insbesondere für Lyriker von besonderer Faszination, u.a. widmeten ihm Jean Genet und Georg Heym bedeutende Gedichte – oder auch Klabund:
Der Seiltänzer
Er geht. Die schräge Stange trägt ihn linde.
Der Himmel schlägt um ihn ein Feuerrad.
Ein Lächeln fällt von einem mageren Kinde,
Und an dem Lächeln wird die Mutter satt.

Ein jeder fühlt sich über sich erhaben
Und tänzelt glücklich auf gespanntem Seil.
Die Menschen wimmeln braun wie Küchenschaben,
Und sind dem Blick der Höhe wehrlos feil.

Dort unten hockt in schmutzigen Galoschen
Das Niedere und Gemeine, und es hebt
Die Stirn zur Höhe für zwei povre Groschen,
An denen feucht der Schweiß des Werktags klebt.




Einige Artistik-Experten schätzen den Anspruch von Freiluft-Hochseilshows nicht ganz so hoch ein, zumal die vermeintliche Gefahr durch intensives Üben des Auffangens am Seil bei einem Sturz geringer sei, als gemeinhin angenommen.
Trotzdem fasziniert mich diese alte Kunst von allen artistischen Disziplinen am meisten. Es sind nicht in erster Linie der eigentlich Lauf oder die beachtlichen Gleichgewichts-Kunststücke, die zwischendurch gezeigt werden, und ganz bestimmt nicht vorwiegend Nervenkitzel, Sensationsgier oder gar die „insgeheime“ Erwartung eines Sturzes – im Circus mag ich gefährliche Sensationsnummern nicht. Es ist vielmehr das, in jeder Hinsicht, absolut Reduzierte, Puristische, Konsequente dieser Kunst, verbunden mit einer äußersten Hingabe im Moment ihrer Ausübung. Da sind nur das Seil in großer Höhe, der Mut, das Können – und der Tod im Falle des Versagens. Letzterer gehört dazu, ist stets Teil der Show, der Kunstausübung - als Konsequenz des Versagens. Hierauf lässt sich ein Hochseilläufer im Vertrauen auf sich immer wieder ein – und gewinnt. Das Selbstvertrauen im weitesten Sinn, die reißerisch so genannte „Todesverachtung“ ist das eigentlich Beachtliche dieser anachronistischen Kunstausübung.

„Ich wäre nicht überrascht, dass du, wenn du auf der Erde gehst, hinfällst und Dir dabei etwas verrenkst. Das Seil wird dich weit besser tragen, viel sicherer als eine Straße.“ (Jean Genet)


Zwischenfälle waren immer schon ein "gefundenes Fressen" für die Boulevard-Presse -
hier eine Illustration von Walter Molino für "Domenica Corriere" (1959)