Montag, 5. Mai 2008

Komödianten

Souvenirkarte 1936, Sammlung Nagel

Karl von Holteis Schilderungen der Gepflogenheiten fahrender Unterhaltungskünstler aus der Mitte des 19. Jahrhunderts haben über weite Strecken bis in unsere Tage Gültigkeit: Er wurde wider seinen Willen eingeweiht in Privatverhältnisse unzähliger Familien, Truppen, Gesellschaften, Banden, Unternehmungen, die, auf Neugier, Torheit, Leichtgläubigkeit oder Vergnügungssucht der Menschen spekulierend, seit Menschengedenken vom Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter forterbend, die Welt durchstreifen, und allüberall, wo sie sich begegnen, neben dem giftigsten Brotneid doch stets einige gegenseitige Rücksichten, Gefälligkeiten, Aushilfen und sogar Freundschaft für einander haben und üben." (aus "Die Vagabunden)

Sie sind ein eigenwilliges Völkchen und ein sehr lebendiger, liebenswerter Anachronismus - die Komödianten. Irgendwie will dieses „Fahrende Volk“ nicht so recht in unsere moderne Welt passen – nicht sesshaft, ganz eigenen Regeln und Traditionen verpflichtet und einem ausgeprägten Familien- und Gemeinschaftssinn verbunden.
Viele „Eigenarten“ „der“ Komödianten können Leuten von „Privat“ schnell aufstoßen – besonders wenn sie allzu naive und romantisierende Vorstellungen vom Leben der „Gaukler“ haben. Man muss sie zu nehmen wissen und immer eine gewisse Distanz bewahren – die die Leute von „die Reise“ auch zu uns „Privaten“ oder „Bauern“ gegenüber oft einhalten.
Andererseits ist gerade das Fortbestehen dieser Eigentümlichkeiten einer der vielen faszinierenden Aspekte der Reisenden – die unserer modernen bürgerlichen Gesellschaft so fremd, fast unwirklich scheinen.

Komödianten sind seit vielen Generationen reisende Unterhaltungskünstler, die verschiedenen Sippen angehören.
Da Komödianten i.d.R. Komödianten heiraten, bestehen weit verzweigte verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den einzelnen Familien.
Früher traten viele Komödianten als Artisten auf Marktplätzen vor allem zur Jahrmarktzeit auf, teils „publik“ unter freiem Himmel, teils in Schaubuden.
Andere Familien traten vor allem als Hochseilläufer in Erscheinung, die über den Marktplätzen kleiner Städte ihr Seil spannten.
Im Winter spielten viele Komödianten zum Tanz auf ländlichen Festen auf, einige zeigten auch derbe Dramen und Lustspiele in Gasthaussälen.
Puppentheater von Heiko Maatz 2007

Ein weiteres verbreitetes Betätigungsfeld war das Puppenspiel, wobei unterschieden werden muss zwischen dem oft sehr anspruchsvollen Marionettenspiel und dem Handpuppen-Spiel auf Jahrmärkten.
Auch heute noch treten Nachfahren einiger weniger der einst regional sehr bekannten Marionettenspielerfamilien auf. Verbreiteter ist allerdings das einfachere Handpuppenspiel. Bekannte Puppenspieler-Familien sind u.a. Maatz, Richter oder Bille.

Viele der Familien, die früher als Hochseilartisten sehr bekannt waren, betreiben heute Auto-Rodeos (z.B. Bossle) oder Circusse (z.B. Nock oder Stey). Trotzdem bestehen noch einige dieser Truppen, neben dem berühmten Namen „Traber“ sind u.a. auch noch Neigert, Weisheit und Bügler im Hochseilgeschäft.
Auch auf Jahrmärkten findet man vor allem kleine und mittelgroße Geschäfte von Komödianten.

Die eigentliche Domäne der Komödianten ist jedoch der Familiencircus, es gibt kaum einen der Komödiantennamen der unter den vielen hundert Circussen in Deutschland nicht vertreten ist. Einige Namen tauchen gleich dutzendfach auf, besonders viele Circusse werden von Mitgliedern der Familien Frank, Spindler und Sperlich betrieben.

Früher spielten sie zumeist publik in „Arenen“, später in Einmastzelten, die man heute nur noch selten vorfindet. Die meisten Circusse verfügen heute über Zwei- oder Viermastzelte. Die Bandbreite reicht dabei weiterhin von Kleinstcircussen mit einer Handvoll Familienangehöriger, über die vielen typischen Familiencircusse bis hin zu Unternehmen, die engagierte Artisten im Programm haben. Einige Komödianten präsentieren regelrechte „Großcircusse“, wobei bestimmte Formen des Auftretens nicht immer so ganz mit dem Anspruch, großen, „seriösen“ Circus zu bieten, im Einklang stehen…

Heidi Spindler, Circus Aramannt 1993

Während die anderen Namen auch in vielen weiteren Bereichen des ambulanten Unterhaltungsgewerbes auftauchen, sind die Franks in besonderer Weise dem Circusgeschäft verbunden. Sie gelten als hervorragende Dresseure und zum Teil auch Musiker. Dabei versprühen sie allerdings oft einen besonderen „herben bis derben Charme“, der sich nicht jedem mitteilt …
Es soll nicht verschwiegen werden, dass es unter den „Komödiantencircussen“ einige gibt, die wegen ihres „Geschäftsgebarens“ und anderer unschöner Machenschaften dem Ruf der Branche sehr schaden. Daneben gibt es aber viele kleine Circusse alter Komödiantenfamilien, die mit Hingabe begeisternden Circus machen, einige sind hier aufgeführt: http://www.chapiteau.de/feinekleine.htm Jonny Casselly ist hierbei z. Zt. auch mein Favorit.




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