Dienstag, 15. November 2016

Verfallen


Farbdruck eines Bildes von Gustave Courtois in einer Ausgabe von "Figaro Illustré" aus dem Jahr 1894

"Der Wagen trägt eine Menge von wunderlichem Gerät, bunten Lappen, Stricken, Stangen und obenauf schwebt eine große Trommel. Neben dem Wagen geht ein baumlanger, wild aussehender Mann, mehrere Burschen von verschiedenem Alter und ein schlankes, seltsam schönes, wenn auch völlig braunes Mädchen in jugendlicher Kraft und Fülle. Barfuß, nur mit einem dünnen Unterrock bekleidet und einem bis an den Hals schließenden Hemdchen, beide blendend weiß, trägt sie sich voll natürlicher Anmut, zeigt bei jedem ihrer Schritte die herrlichste Gestalt und läßt ihr schwarzes Haar sorglos flattern, den brennenden Blick umherwerfend, als ob Dorf und nebenbei das ganze Land ihr gehörten." (Karl von Holtei: Die Vagabunden)

Es ließe sich trefflich darüber spekulieren, warum "Zigeunerinnen" und Frauen anderer Gruppen des "Fahrenden Volkes" eine so große Faszination auf Männer ausübten. Einerseits mag das in der tatsächlichen "Andersartigkeit" dieser Frauen liegen, deren Auftreten weniger engen Normen unterworfen war als das ihrer Geschlechtsgenossinnen - ganz gleich ob aus dem Bauern- oder Bürgertum oder auch aus dem Adel. Zum anderen wird diese (vermeintliche) Andersartigkeit Phantasien bzw. Projektionen unterdrückter Wünsche angeregt haben - zumal die Fahrenden diesbezüglich durchaus bewusst geschäftsfördernden Publikumsanreize einsetzten und somit die Verbreitung von Klischees noch förderten.


Tatsächlich verfielen immer wieder Männer aller Schichten dem Reiz dieser Frauen - weltbekannt wurde beispielsweise die tragische Liebesgeschichte zwischen der Seiltänzerin Elvira Madigan und einem adligen Offizier - und nicht  selten schlossen sie sich aus Liebe dem "Fahrenden Volk" an.

Das Thema erfuhr zudem zahlreiche künstlerische  Umsetzungen, ob in der Malerei, der Musik (z.B. Bizets "Carmen", Smetanas "Die verkaufte Braut" oder Janaceks "Tagebuch eines Verschollenen"), der Literatur (Hauptmanns "Wanda" zum Beispiel) oder immer wieder im Film.


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