Samstag, 1. März 2008

Himmelreicher


Souvenirkarte der Oskani-Truppe, 1960er Jahre

Sie gehören zu meinen eindrucksvollsten Kindheitserinnerungen: Die Hochseilläufer, die scheinbar dem Abendhimmel entgegenliefen. Damals, um 1970, reisten sie noch über die Dörfer. Das Seil wurde in unserem Dorf von der Schule bis zu den Fenstern im Turm des Kirchturms gespannt. Der Höhepunkt der Show war stets die Motorradfahrt mit akrobatischen Kunststücken auf der darunter befestigten Stange – mich faszinierte aber schon damals die eigentliche Kunst, das Seillaufen. Ob es tatsächlich eine Truppe aus der Traber-Sippe war, weiß ich nicht, jedenfalls hießen die bei uns immer „Traber“.
Eintritt musste nicht gezahlt werden, stattdessen gingen die Frauen zwischen den zahlreich zusammengekommenen Dorfbewohnern mit dem Sammelteller herum.

Heute reisen diese Artisten mit einer Ausnahme nicht mehr über die Dörfer und Kleinstädte und viele ehemals große Truppen haben sich anderen Betätigungsfeldern zugewandt. Neben Kleincircussen sind viele Autorodeo-Shows aus Hochseiltruppen hervorgegangen, so zum Beispiel die der Familie Bossle.
Trotzdem gibt es noch einige Truppen aus alten Komödiantenfamilien, die weiterhin die alte Kunst des Hochseillaufens ausüben - heutzutage meistens auf Stadtfesten, Firmenpräsentationen usw., wobei sie allerdings im schlechtesten Fall nur Motorradfahrten zeigen und somit nicht ihr eigentliches Können unter Beweis stellen.
Am meisten beeindruckt hat mich die Bügler-Tonelli-Truppe, die hervorragende Seilläufer in ihren Reihen hat. Auch Jean Monti, der trotz seines Alters noch seine Ein-Mann-Show zeigt, ist ein erstklassiger Hochseilartist aus der Bügler-Sippe.
Die größte und vielleicht auch erfolgreichste Truppe bilden die "Geschwister Weisheit", die u.a. die legendäre 7er-Pyramide im Programm haben.
Die Weisheits sind verwandt mit der bekanntesten „Hochseildynastie“, dem Traber-Clan, aus dessen Reihen noch verschiedene Familien Hochseilshows zeigen.
Auch die Komödiantenfamilien Stey, Bauer und Nock haben sich als Hochseilartisten einen Namen gemacht und einige Mitglieder treten heute noch auf dem Hochseil auf.
Eine letzte große Truppe ist schließlich die Oskani-Hochseilshow der Familie Neigert, die vor Jahren einmal ihr Seil zum Münchner Olympiaturm spannte. Die Oskanis gastieren noch wie die Hochseilläufer früherer Zeiten auf Marktplätzen von Kleinstädten.

Einige Artistik-Experten schätzen den Anspruch von Freiluft-Hochseilshows nicht ganz so hoch ein, zumal die vermeintliche Gefahr durch intensives Üben des Auffangens am Seil bei einem Sturz geringer sei, als gemeinhin angenommen.
Trotzdem fasziniert mich diese alte Kunst von allen artistischen Disziplinen am meisten. Es sind nicht in erster Linie der eigentlich Lauf oder die beachtlichen Gleichgewichts-Kunststücke, die zwischendurch gezeigt werden, und ganz bestimmt nicht vorwiegend Nervenkitzel, Sensationsgier oder gar die „insgeheime“ Erwartung eines Sturzes – im Circus mag ich gefährliche Sensationsnummern nicht. Es ist vielmehr das, in jeder Hinsicht, absolut Reduzierte, Puristische, Konsequente dieser Kunst, verbunden mit einer äußersten Hingabe im Moment ihrer Ausübung. Da sind nur das Seil in großer Höhe, der Mut, das Können – und der Tod im Falle des Versagens. Letzterer gehört dazu, ist stets Teil der Show, der Kunstausübung - als Konsequenz des Versagens. Hierauf lässt sich ein Hochseilläufer im Vertrauen auf sich immer wieder ein – und gewinnt. Das Selbstvertrauen im weitesten Sinn, die reißerisch so genannte „Todesverachtung“ ist das eigentlich Beachtliche dieser anachronistischen Kunstausübung.

„Ich wäre nicht überrascht, dass du, wenn du auf der Erde gehst, hinfällst und Dir dabei etwas verrenkst. Das Seil wird dich weit besser tragen, viel sicherer als eine Straße.“ (Jean Genet)
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